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„Wir erkennen einen erheblichen Paradigmenwechsel der EKD“

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) braucht auch in Zukunft eigene theologische Hochschulen, sagt Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer, Rektorin der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Im Interview erklärt sie ihre Kritik an den Kürzungsplänen der EKD.

Frau Prof. Kemnitzer, die EKD hat angekündigt, bis zum Jahr 2030 rund 17 Millionen Euro jährlich einsparen zu wollen. In diesem Zusammenhang will sie den Zuschuss, den sie jährlich an die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel zahlt, schrittweise um 30 Prozent auf 560.000 Euro kürzen. Überrascht Sie das?

Kemnitzer: Eine Kürzung des EKD-Zuschusses ist seit einigen Jahren im Gespräch. Deshalb überrascht mich das grundsätzlich nicht. Was mich allerdings überrascht, ist die Tatsache, dass diese Kürzungspläne im Zuge einer Pressekonferenz verkündet werden, bevor die EKD-Synode wirklich darüber am 8. und 9. November 2020 beschlossen hat.

Sie kritisieren den Zeitpunkt. Gibt es auch Inhalte, die Sie kritisieren?

Kemnitzer: Uns irritiert beispielsweise die Aussage, dass die theologische Ausbildung in Deutschland auch ohne die Kirchlichen Hochschulen gesichert sei. Wir erkennen darin einen erheblichen Paradigmenwechsel der EKD, der aus unserer Sicht eng mit den Trägern unserer Hochschule, der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen sowie den von Bodelschwinghschen Stiftungen kommuniziert werden muss. Schließlich wurde in der Vergangenheit – unterstützt von der EKD – ja immer gefordert, dass die Kirchen eigene Ausbildungsstätten besitzen sollten, um sich nicht von staatlich finanzierten und geregelten Universitäten abhängig zu machen. Ich halte die Vergleichbarkeit mit staatlichen Fakultäten und das fruchtbare Miteinander von kirchlichen und staatlichen Einrichtungen auf Augenhöhe auch in Zukunft für ein kostbares Gut in allen Bildungsbereichen der Demokratie in Deutschland.

Tatsächlich sind die Studierendenzahlen im Bereich der Theologie rückläufig. Da klingt der angedeutete Verzicht auf einzelne Standorte doch durchaus vernünftig.

Kemnitzer: Die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel hat durch die Fusion zweier Kirchlichen Hochschulen im Jahr 2007 bereits einen erheblichen Beitrag zu dieser strukturellen Änderung geleistet. Außerdem sollte im Blick bleiben, dass die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel das Erbe der Bekennenden Kirche und die bis heute relevante Erinnerung an die Barmer Theologischen Erklärung weiterträgt und genuin symbolisiert. Den Dankgottesdienst zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung unserer Hochschule nach dem Ende der Nazi-Diktatur haben wir daher gemeinsam mit vielen Studierenden vorbereitet und am vergangenen Freitag digital gefeiert. Pressestimmen, die den Eindruck erwecken, dass die EKD geschichtsvergessen Einrichtungen nur nach wirtschaftlichen Kriterien prüft, schaden daher aus unserer Sicht nicht nur unserer Kirchlichen Hochschule, sondern dem gesamten Protestantismus in Deutschland. Im Übrigen verzeichnen wir bei den Studierendenzahlen eine sehr positive Entwicklung. Im gerade begonnen Wintersemester verzeichnen wir in den grundständigen Studiengängen mit 186 Erst- und Zweithörern – und hörerinnen eine Steigerung von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und auch der neue Weiterbildungsstudiengang Master of Theological Studies ist mit 34 Bewerbungen auf überraschend großes Interesse gestoßen.

Was können Kirchliche Hochschulen für den Protestantismus in Deutschland denn exklusiv leisten?

Kemnitzer: Das Alleinstellungsmerkmal der Kirchlichen Hochschulen liegt im kirchlich gestalteten Campus-Konzept mit der essentiellen Verbindung von Lehre (Hörsaal), Forschen (Bibliothek), Gemeinschaft (Wohnheim) und Glaube (Kapelle). Dies ermöglicht theologische Bildung in hoher Konzentration auf individuelle Persönlichkeitsentwicklung und gemeinsames Theologietreiben. Aus diesem Grund wählen insbesondere drei Studierendengruppen Kirchliche Hochschulen als guten Ort für sich in den „besonders sensiblen Phasen“ des Theologiestudiums: zu Beginn, zum Abschluss des Studiums und als Ort eines berufsbegleitenden Studiums mit dem Ziel der beruflichen Neuorientierung in der Lebensmitte. Diese biographisch hochsensiblen Lernzeiten werden an kirchlichen Hochschulen mit Campus-Konzept optimal begleitet. Dadurch erleben zukünftige Verantwortungsträgerinnen und -träger in Diakonie und Kirche, dass die Kirche auch für sie und ihre Bildung Verantwortung übernimmt, indem sie diese besonderen Hochschulen erhält. Würden sich die Kirchen dieser Aufgabe entledigen, würde es sicherlich nicht lange dauern, bis auch der Staat sein derzeitiges Finanzierungsvolumen für theologische Fakultäten in Frage stellt.

Das ist ein Argument der Defensive. Wo agiert Ihre Hochschule offensiv und innovativ?

Kemnitzer: Die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel hat sich zusätzlich zum Alleinstellungsmerkmal des Campus-Konzeptes eine Doppelprofilierung gegeben, entworfen entlang der Bedürfnisse der Landeskirchen und Diakonischen Werke. Zum einen verbindet sie die Disziplinen Theologie und Diakoniewissenschaften und Diakoniemanagement. Zum anderen bietet sie mit dem neuen Weiterbildungsstudiengang Master of Theological Studies einen zweiten Weg ins Pfarramt nach den Standards des Fakultätentages an. Diese Kombination vernetzt nicht nur Studierende unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Berufserfahrung, diese Kombination wurde durch Synodalbeschlüsse unserer Trägerkirchen auch ausdrücklich als innovatives und interdisziplinäres Programm begrüßt. Hinzu kommen die internationalen Verbindungen unserer Hochschule in alle Welt, gefördert besonders durch die Vereinigte Evangelische Mission (VEM) und durch unsere Forschungsinstitute.

Glauben Sie, dass Sie mit diesen Argumenten den Entscheidungsprozess der EKD-Synode noch positiv für die Kirchlichen Hochschulen beeinflussen können?

Kemnitzer: Ich hoffe es. Denn das Konzept der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel kommt nicht nur bei den Studierenden gut an. Wir können damit auch wichtige Impulse für kirchliche und gesamtgesellschaftliche Fragen setzen. Dieses Ziel verfolgen wir beispielsweise mit der neuen Veranstaltungsreihe „Religionspädagogische Denkräume“, die wir diesen Freitag mit einem Experten-Vortrag zum Hamburger Modell für einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht starten, der wegweisend auch für andere Bundesländer sein kann. Darüber wollen wir kritisch diskutieren und zur Meinungsbildung beitragen. Damit all diese Initiativen aber langfristig Früchte tragen können, brauchen wir nicht nur die volle Rückendeckung unserer Träger, sondern gerade auch die der EKD. Es wäre hilfreich, wenn die Synode ein deutliches Zeichen dafür geben würde.

Die Fragen stellte Frank Grünberg, Mitarbeiter im Bereich Information – Kommunikation – Medien (IKM) an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel

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