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Öffentliche Vorlesung: Vom erotischen Lied zur theologischen Erfahrung

Im Alten Testament steht das erotische Hohelied als „Lied der Lieder“. Im Mittelalter entwickelt der Mönch Bernhard von Clairvaux daraus sogar eine umfassende Theologie der religiösen Lieberfahrung. Über diesen Ansatz und den Reiz, den er auch auf den modernen Menschen ausüben kann, spricht Prof. Dr. Hellmut Zschoch am Dienstag, 9. Februar 2021, um 16.15 Uhr.

„Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist besser als Wein. Lieblich an Geruch sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name; darum lieben dich die Jungfrauen.“ So lauten die ersten beiden Zeilen des Hoheliedes. Dieses eigenartige Stück Altes Testament steht selten im Mittelpunkt der Theologie. Denn im biblischen Kanon wirkt das erotische Lied auf viele Menschen so, als habe sich da ein Text verirrt, der von Gott nichts zu sagen weiß.

Ganz anders bei Bernhard von Clairvaux in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts: „Die Gründergestalt des Zisterzienserordens widmet sich dem Hohelied in 86 literarisch gestalteten Predigten, in denen er den Text als Beschreibung der innig-liebevollen Gott-Mensch-Beziehung auslegt“, sagt Hellmut Zschoch, Professor für Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. „Schritt für Schritt entwickelt er daraus eine umfassende Theologie. Das ist in der Theologiegeschichte einmalig.“

Die Theologie Bernhards klingt anders – besonders in mittelalterlichen Dimensionen gemessen. Sie baut nicht auf dogmatische Sätze, sondern auf meditierte, religiöse Erfahrungen. Im Zentrum stehen Empfindungen, Gefühle, Affekte der Gottesnähe und Gottesferne, die erfahrene Beziehung zwischen Gott und Mensch. Das erotische Lied wird damit zur Grundlage einer christlichen Theologie, die Gott ganz als überfließende Liebe zu verstehen lehrt, und die den Gipfel dieser Liebe im leidenden Christus wahrnimmt. „Obwohl Bernhards bildhafte Art, das Hohelied zu lesen, auf Menschen der Moderne fremd und fern wirkt, birgt diese Fokussierung der Theologie auf die religiöse Liebeserfahrung bis heute viele Reize“, sagt Zschoch. „Auch wenn er den Text natürlich unter den Denkvoraussetzungen seiner Zeit liest, trägt seine auf die frommen Einzelnen zielende Lektüre des Hoheliedes geradezu moderne Züge.“

Weitere spannende Hintergründe und Zusammenhänge von Bernhards Theologie und ihrer Bedeutung bis in die Gegenwart wird Zschoch am Dienstag, 9. Februar 2021, um 16.15 Uhr in dem öffentlichen Zoom-Vortrag „Das Hohelied als Grundtext einer christlichen Erfahrungstheologie bei Bernhard von Clairvaux“ beleuchten. Dazu sind alle Interessierten herzlich eingeladen.

Klicken Sie hier, um sich in den Vortrag einzuwählen. Die Meeting-ID lautet: 96556952170, der Kenncode: 013178.

Das Video zur Vorlesung finden Sie hier.

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