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Theologie, Engels, Gerechtigkeit – Die Große Transformation

Vom 9. bis zum 13. Dezember fand an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel die alljährliche Studienwoche statt. Vor dem Hintergrund des Engels-Jubiläums der Stadt Wuppertal anlässlich des 200. Geburtstages von Friedrich Engels nahm die Woche in diesem Jahr ein gesellschaftspolitisches Thema auf. Unter den Stichwörtern „Theologie, Engels, Gerechtigkeit“ beschäftigten sich die etwa 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über fünf Tage mit den großen Transformationsprozessen, in denen sich unsere Gesellschaft befindet. Zwischen den „Fridays for Future“-Protesten, einer rasant fortschreitenden Digitalisierung und neuen Anfragen an die Kriterien einer gerechten Gesellschaft wurde dabei die Frage gewagt: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Als Vorbild diente uns die ganze Woche über die kritische Gesellschaftsanalyse des gebürtigen Barmeners Friedrich Engels, der mit seiner ökonomisch-sozialen Kritik der Realität der werdenden Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts auch heute noch ein spannender Impulsgeber bleibt.

Die Woche begann am Montag mit einer grundlegenden Einführung in das Thema unter dem Titel „Die Große Transformation: Was ist das?“, welche von Hans Haake und Annika Rehm vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie übernommen wurde. Die beiden Vortragenden zeichneten eindrücklich die grundsätzliche Herausforderung einer immer verbrauchsintensiveren Wirtschaft auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nach. In einer zweiten Phase setzten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in kleineren Diskussionsgruppen zusammen, in welchen eigene Perspektiven und Fragestellungen zum Thema der Studienwoche im Spannungsfeld von politischer und individueller Verantwortung gesammelt wurden. Die Ergebnisse der Kleingruppen wurden in Form von Stichworten („Konsumverhalten“, „CO2-Steuer“, „Ökodiktatur!“) festgehalten und waren – angebracht an Pinnwänden im Audimax der Hochschule – die ganze Woche über weiterhin präsent. Den Abschluss des ersten Tages bildete ein Doppelvortrag von Pfr. Dr. Hermann-Peter Eberlein aus der Gemeinde Elberfeld-Nord in Wuppertal und Prof.em. Reinhard Pfriem, der bis zu seiner Emeritierung als Wirtschaftswissenschaftler in Oldenburg lehrte. Dr. Eberlein sprach zunächst aus historischer Perspektive zu „Engels und die Religion“ und verortete den Religionskritiker Engels dabei mit großer Quellenkenntnis biographisch in das Milieu der Wuppertaler Erweckung. Aufbauend auf diese historischen Ausführungen nutzte Prof. Pfriem schließlich die Gelegenheit, um Engels Sozialkritik als Ausgangspunkt für eine Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft zu nutzen. Dies schloss für Pfriem explizit auch die religionskritischen Aspekte im Denken Engels mit ein, Zugleich sprach er sich aber auch für die Notwendigkeit zur Entwicklung neuer Narrative für eine „kosmologischen Selbstverortung“ des Menschen aus, welche als Kraftquellen eines gesellschaftlichen Wandels jenseits von Wachstumsutopien notwendig seien.

Das Programm am Dienstag nahm diesen Gedankengang weiter auf, als die Theologin und Oberkirchenrätin a.D. Cornelia Coenen-Marx zur Rolle der Kirche(n) bei der großen Transformation Stellung nahm. Die Referentin machte deutlich, wie die Kirche sowohl als Betroffene des gesellschaftlichen Wandels aufzufassen sei als auch als Akteurin dieser Veränderung auftreten müsse. Frau Coenen-Marx schöpfte dabei besonders aus ihren eigenen Erfahrungen in der Arbeit der Diakonie und betonte, dass kirchliche Strukturen wichtige Freiräume und Kontaktmöglichkeiten für Menschen in einer sich schnell wandelnden Umgebung bilden sollten. Der Nachmittag legte den Fokus des Programmes verstärkt auf das Thema der Digitalisierung und die sozialen Implikationen dieser rasanten technischen Entwicklungen, wozu sowohl Rainer Lucas, Kurator des Engels-Jubiläums der Stadt Wuppertal, als auch der Ökonom Prof. Jörg Kopecz vortrugen. Beide Referenten waren sich darin einig, dass die Digitalisierung und andere gesellschaftliche Wachstumsprozesse eine enorme Anforderung an die Anpassungsfähigkeit etablierter (auch sozialer) Strukturen darstellen. Zu einem fruchtbaren Dissens kam es dagegen über die Frage, wie viel kritischen Gestaltungsspielraum eine Gesellschaft gegenüber diesen Entwicklungen ausüben könne. Während Rainer Lucas ausgehend von der Tradition kritischer Gesellschaftsanalysen im Sinne Engels eher das Aufeinandertreffen unterschiedlicher ökonomischer Interessensgruppen bei der Transformation der Gesellschaft betonte, unterstrich Jörg Kopecz stärker die Selbstdurchsetzungsfähigkeit eines technischen Fortschritts als Motor einer Entwicklung, die es eher positiv zu gestalten als abzuwehren gelte. Diese Fragestellungen begleiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann auch weiter am Nachmittag, als sich die Studienwoche in Form dreier Arbeitsgruppen fortsetzte. Allen Interessierten war dabei freigestellt, sich entweder in kirchengeschichtlicher Perspektive mit der Rolle der Kirche vor der ‚Sozialen Frage‘ im 19. Jahrhundert zu beschäftigen oder sich in zwei unterschiedlichen Gruppen weiter mit dem Verhältnis von Engels zur Religion auseinanderzusetzen.

Ein besonderer Höhepunkt der Studienwoche war der Vortrag von Prof. Uwe Schneidewind am Mittwoch. Prof. Schneidewind, Chef des Wuppertal Instituts, unterbrach seinen – mittlerweile auch politisch – sehr gefüllten Alltag, um mit den Teilnehmenden der Studienwoche über sein Konzept der „Großen Transformation“ als eine „Kunst des gesellschaftlichen Wandels“ zu sprechen. In Dialog trat Schneidewind dabei auch mit dem zweiten Referenten des Vormittags, Dr. Leonard Mbilinyi, der einige internationale Perspektiven auf das Thema des gesellschaftlichen Wandels unter der Überschrift „Engels in Tansania, Afrikanischer Sozialismus, Ujamaa“ einbringen konnte. Schneidewind und Mbilinyi tauschten sich darüber aus, wie unterschiedliche kulturelle Voraussetzungen sich gegenseitig bereichern könnten, um so internationale Antworten auf globale Phänomene wie den Klimawandel zu ermöglichen. Am Nachmittag lenkte das Programm den Blick dann wieder auf die Situation in Deutschland. Um anschaulich zu machen, welche Auswirkungen die Große Transformation unserer Lebensstile ganz konkret vor Ort haben kann, gab es drei Exkursionen mit den jeweiligen Schwerpunkten Energie, Diakonie und Stadtentwicklung. Angeboten wurde die Möglichkeit zur Besichtigung einer Müllverbrennungsanlage in Wuppertal-Cronenberg, ein Ausflug zur Begegnung in der Flüchtlingshilfe und im Sozialkaufhaus der Diakonie in Unterbarmen und schließlich ein urbaner Stadtspaziergang mit dem Fokus auf die Wuppertaler Stadtgeschichte und Verkehrsplanung unter Leitung des Architekten Hans Christoph Goedeking.

Der Donnerstag begann ebenfalls mit einem Projekt aus der Region. Zu Gast an der Hochschule war die Sozialpädagogin Amanda Steinborn vom Vorstand des Projektes „Utopiastadt Wuppertal“. Die Utopiastadt im ehemalige Milker Bahnhof direkt an der Nordbahntrasse – so führte Frau Steinborn aus – sei eine Art Labor für alternative urbane Projekte und beherberge wechselnde Formate wie eine Fahrradwerkstatt, ein Gemüsefeld oder Kulturprojekte. Die Vortragende vermittelte in ihren dialogisch gestalteten Ausführungen eindrücklich, wie wichtig offene und kreative Räume dieser Art in städtischen Gebieten seien, um neue Formen urbanen Zusammenlebens zu erproben. In einer zweiten Phase kamen wiederum Angehörige der KiHo zu Wort, die ihre Wünsche für ein verändertes Miteinander in Deutschland formulierten. Die Professores Michaela Geiger und Martin Büscher sowie die Studierenden Johanna Knotte und Philipp Bauhaus trugen zu diesem Zweck jeweils eigene politische ‚Manifeste‘ vor. In einer Podiumsdebatte – moderiert von der Studentin Anna-Lena Steuckart – wurden diese Thesen dann untereinander und mit dem Plenum diskutiert. Angesprochen wurde in diesem Rahmen ein ganzes Panorama von Themen und Möglichkeiten von einem Ausbau des Radverkehrs, über Steuererhöhungen für Besserverdienende bis hin zu neuen ‚Spielregeln‘ für die Globalisierung. Der Donnerstagnachmittag brachte die Möglichkeit, diese angedachten Fragestellungen nochmals in Arbeitsgruppen zu vertiefen. Zur Wahl standen eine Bildbesprechung des während der gesamten Woche im Audimax ausgestellten Gemäldes „Arbeiter vor dem Magistrat“ des Düsseldorfer Malers Johann Peter Hasenclever von 1848/49, eine praktische Arbeitsgruppe zum Thema „ZUSAMMEN : NÄHEN – Ein Schlüsselband für Vielfalt“ und eine Exkursion zur Wuppertaler ‚dm‘-Filiale unter der Perspektive des Zusammengehens von Nachhaltigkeit und Gewinnorientierung.

Der Freitag bildete den Abschluss der Studienwoche und wurde wesentlich durch den Vortrag des Siegener Professors für Plurale Ökonomik, Niko Paech, bestimmt. Paech machte den Teilnehmenden unter der Überschrift „Die große Transformation und Ich“ erneut die aus seiner Sicht problematischen Tendenzen in aktuellen Wirtschaftsprozessen deutlich, welche nur durch die „Plünderung“ natürlicher aber begrenzter Ressourcen aufrechterhalten werden könnten. Daraus folgerte der Postwachstumstheoretiker die Notwendigkeit zur schnellen Entwicklung und Erprobung überzeugender und radikal neuer Wirtschaftsmodelle, aber auch ein Umdenken in der individuellen Konsumorientierung. Einen Impuls genau zu einer solchen Veränderung aus der potentiellen „Kraftquelle Religion“ erlebten die Teilnehmenden in Form des abschließenden Prayer for Change. Dieses Schlussgebet der Woche wurde vom Team für Neue Liturgie gestaltet (die Stud.theol. Dung Bich Nhi Dang (Mio) / Solveig Reller / Tina Yzer) und nahm die vielfältigen Wünsche nach gesellschaftlichem Wandel und einer gerechten und friedlichen Welt nochmal in spirituell-liturgischer Form auf. Das Feedback der Teilnehmenden am Ende der Woche belegte, dass dies als angemessener Abschluss für eine gelungene und impulsreiche Studienwoche gewertet wurde.

Besonders gefreut hat sich die Hochschule über die rege Teilnahme der Studierenden der KiHo und der Evangelistenschule Johanneum, über das Erscheinen zahlreicher Gäste aus der Stadt Wuppertal und über die Beteiligung zahlreicher Pfarrerinnen und Pfarrern, die über die Evangelische Akademie Villigst den Weg auf den Heiligen Berg gefunden haben.

Das Vorbereitungsteam bedankt sich herzlich bei allen Mitgestalterinnen und Mitgestaltern der Woche und hofft auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr.

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