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Redet miteinander!

Welche Lehren können wir aus den Erschütterungen der Corona-Krise ziehen? Der Rektor der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Professor Dr. Martin Büscher, rät im Interview mit der Evangelischen Wochenzeitschrift „Unsere Kirche (UK)“ zu mehr gruppenübergreifendem Austausch.

UK: Die Bedrohung durch das Corona-Virus hat vieles auf den Kopf gestellt, was in unserer Gesellschaft als unantastbar galt. Was ist passiert?

Büscher: Bisher haben die Mechanismen der Marktwirtschaft unsere Gesellschaft geprägt: Wachstum, Konkurrenz und Leistungsdruck waren die Triebkräfte; vom Staat wurde vor allem erwartet, dass er der Wirtschaft möglichst freie Hand lässt. Das Virus hat dieser Vorherrschaft, diesem Primat wie von Geisterhand ein Ende gesetzt und ein anderes Primat an dessen Stelle gesetzt: das der Gesundheit und des Lebensschutzes. Die Rolle des Staates hat sich dabei stark verändert: Er ist wieder zu einer Ordnungsmacht geworden; er stellt Regeln auf, die unsere wirtschaftlichen und persönlichen Handlungsspielräume stark einschränken und setzt diese auch durch. Gleichzeitig hat er mit demokratischen Mitteln ein Konjunkturprogramm ungeahnten Ausmaßes auf den Weg gebracht. Das finde ich faszinierend.

UK: Werden dadurch die Schwächen des bisherigen Systems offensichtlicher?

Büscher: Kritiker haben ja schon seit Langem darauf hingewiesen, wie problematisch das ungebremste Wachstum des weltweiten Handels aus ökologischer und sozialer Sicht ist. Jetzt, wo die globalen Lieferketten unterbrochen wurden, sehen wir die Schwächen dieses Systems besonders deutlich, zum Beispiel bei der Versorgung mit Medikamenten: Medikamente, die in China hergestellt werden, wurden plötzlich knapp. Ein anderes Beispiel ist die Nahrungsmittelindustrie: Die Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche sind plötzlich zu einem gesellschaftlichen Problem geworden. Daraus müssen wir lernen: Es kann nicht nur darum gehen, Produkte möglichst billig herzustellen; wir müssen auch andere Faktoren berücksichtigen.

UK: Diese Missstände waren ja auch schon vorder Corona-Krise bekannt. Glauben Sie, dass der Schock über die Pandemie zu nachhaltigen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft führen wird?

Büscher: Das ist die Frage, vor der wir gerade stehen. Die Pandemie wird sicher nicht zu einem völlig neuen Wertesystem führen. Aber wir müssen unser System überdenken. Nehmen wir das Beispiel Fleischindustrie: Reicht es, die Arbeitsverträge der Leiharbeiter neu zu schreiben – oder wollen wir wegkommen von der industriellen Produktion von Nahrungsmitteln? Und sind wir bereit, dafür verantwortliche Preise zu zahlen? Wir haben als Verbraucher ja eine Macht, durch unser Kaufverhalten die Politik mitzubestimmen; vor allem junge Leute nehmen die auch wahr und legen ein umwelt-bewusstes Konsumverhalten an den Tag.

UK: Müssten nicht zunächst die Unternehmen ihr Wirtschaften viel stärker nach sozialen und ökologischen Kriterien ausrichten?

Büscher: Natürlich haben Unternehmen Verantwortung in diesen Bereichen. Es gibt auch bereits in jeder Branche einige, die entsprechend wirtschaften. In der Landwirtschaft sind das etwa die Biohöfe, in der Bekleidungsindustrie fällt mir der Outdoor-Hersteller Vau-de ein. Aber das reicht nicht; es braucht auch gesetzliche Regelungen und Kontrollen, also letztlich einen stärkeren Staat. Und es braucht neue Formen der Sozialpartnerschaft.

UK: Nämlich?

Büscher: Unser Tarifsystem mit Gewerkschaften und Unternehmerverbänden stammt aus den 60er Jahren. Seitdem hat sich die Welt weiterentwickelt. Wir müssten viel mehr gesellschaftliche Akteure an der Gestaltung der Wirtschaft beteiligen: Umweltverbände, Verbraucherschützer, soziale Organisationen bis hin zu Flüchtlingshilfe wie Pro Asyl, Wissenschaftler. Und natürlich auch die Kirchen. Mit solchen Teamstrukturen könnten wir den Herausforderungen der Zukunft besser begegnen. Und wir brauchen mehr Kommunikation in Gruppen, die jenseits der Sachzwänge darüber diskutieren, wie die Welt aussehen soll, in der wir leben wollen.

UK: Wie könnte ein alternatives Wirtschaften aussehen?

Büscher: Im Kirchenkreis Herford haben zwei junge Mitarbeiter der Diakonie eine Initiative zur Nahrungsmittelversorgung gegründet, als der Lockdown kam. Sie haben ein kleines Netzwerk aufgebaut, um Bedürftige mit warmen Mahlzeiten zu versorgen. Nach und nach haben Restaurants diese Initiative unterstützt, aber auch Parteien, der Oberbürgermeister und eine überregionale Bank. Ganz neue Kooperationsformen sind entstanden. Das wäre ein Beispiel für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften.

UK: Haben Sie Hoffnung, dass sich unsere Gesellschaft nach Corona in eine neue Richtung entwickelt?

Büscher: Meine Vision ist die einer vielfältigen, offenen Gesellschaft, in der die verschiedenen Gruppen miteinander im Gespräch sind, statt immer nur auf ihren jeweiligen Interessen zu bestehen. Auch die Kirche muss sich da noch stärker aus ihrer Komfortzone herauswagen und sich kompetent an diesen Diskussionen beteiligen. Der liebe Gott interessiert sich für mehr als nur Religion – und wir Christinnen und Christen sind nicht der Zucker, sondern das Salz der Erde.

aus: Evangelische Wochenzeitung „Unsere Kirche“

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