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Video und Predigt von Prof. Dr. Hellmut Zschoch zur Barmer Theologischen Erklärung veröffentlicht

“Liebe Gemeinde! Letzte Worte haben es oft in sich. Das ist auch in der Barmer Theologischen Erklärung so. Ihre letzten Worte haben es gleich mehrfach in sich. Sie lauten: Verbum Dei manet in aeternum. Nur in diesem letzten Satz spricht die Barmer Synode auf einmal Latein! Was soll das? Warum nicht auf Deutsch: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit? Es sind freilich nicht irgendwelche lateinischen Rätselworte.” So begann Prof. Dr. Hellmut Zschoch seine Predigt, die er im Gedenkgottesdienst zur Barmer Theologischen Erklärung am 31. Mai 2021 hielt, und die wir an dieser Stelle in voller Länge veröffentlichen.

Sie wollen die Predigt nicht nur nachlesen, sondern sich auch noch einmal ansehen? Dann klicken Sie sich ins Video zum Gottesdienst. (Die Predigt startet bei Minute 21:18)

Video zum Gottesdienst


Liebe Gemeinde!

Letzte Worte haben es oft in sich. Das ist auch in der Barmer Theologischen Erklärung so. Ihre letzten Worte haben es gleich mehrfach in sich. Sie lauten: Verbum Dei manet in aeternum. Nur in diesem letzten Satz spricht die Barmer Synode auf einmal Latein! Was soll das? Warum nicht auf Deutsch: Gottes Wort bleibt in Ewigkeit?

Es sind freilich nicht irgendwelche lateinischen Rätselworte. Viele dürften sie damals gekannt und verstanden haben. Denn die Synode verortet sich mit ihnen auf einer Traditionslinie: Sie schließt sich nämlich unmittelbar an die Reformation an. Gute 400 Jahre vor „Barmen“ sind diese fünf lateinischen Worte Verbum Dei manet in aeternum zur Parole, zum Emblem der Reformation geworden: ein Erkennungszeichen besonders in der Abkürzung mit den fünf Anfangsbuchstaben: VDMIÆ.

Diese Buchstabenfolge war schnell so bekannt, dass sie nicht nur auf Buchtiteln und in Inschriften auftauchte, sondern auch als äußeres Abzeichen: Das Gefolge der evangelischen Fürsten trug auf den Reichstagen der Reformationszeit diese Buchstaben auf einer Armbinde – und vor ihren Quartieren standen sie auf den Transparenten. Wären die Protestanten damals demonstrieren gegangen, hätten diese fünf Buchstaben auf den Plakaten und Fahnen gestanden – und alle hätten gewusst, worum es geht.. Wer die Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung hier in Gemarke besucht, dem begegnen diese Buchstaben VDMIÆ auf dem Weg von der Reformation nach Barmen. (Und bald wird es hier auch für die Besucherinnen und Besucher zwar keine Armbinde mit diesen Buchstaben geben, aber immerhin ein Bändchen fürs Handgelenk. Die Mitwirkenden an diesem Gottesdienst tragen heute den Prototyp – und ganz bald kann man das Endprodukt hier erwerben, und ich hoffe, wir werden das Bändchen auch an der KiHo populär machen.)

VDMIÆ: das ist ein auf fünf Buchstaben konzentriertes Bekenntnis. Und das nimmt die Barmer Theologische Erklärung mit ihrem letzten Satz auf. Sie zieht die Linie zur Reformation. Aber diese Linie geht noch weiter: Denn „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“ ist ja ein Bibelzitat, ein doppeltes sogar, wir haben es vorhin in der Lesung gehört. Die Linie führt über die Reformation ins Neue Testament, in den 1. Petrusbrief, und mit ihm weiter in die Bibel Israels, in das Jesajabuch. Ein Zitat im Zitat im Zitat: Was für eine Traditionslinie, in die die Barmer Theologische Erklärung sich mit diesem letzten Satz stellt! Höchste Autoritäten, theologisches Schwergewicht – in fünf Worten versammelt! Ginge es nicht ein bisschen kleiner?

Nein, auf keinen Fall! Denn es geht in der ganzen Erklärung eben um das, was bleibt. Und da kann es nur eine Traditionslinie geben, die selber für das steht, was bleibt. Vielleicht wäre es noch klarer, würde da nicht nur auf Latein Verbum Dei manet in aeternum stehen, sondern auch auf Griechisch τὸ δε ῤῆμα κυρίου μένει εἰς τὸν αἰῶνα und auf Hebräisch e davar elohenu jakum l olam – und dann auch noch auf Deutsch Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Dann wäre die Traditionslinie sichtbar komplett. Und wäre ganz deutlich: Es geht wirklich um das, was bleibt. Und um das, was durch alle Zeiten geht.

Durch alle Zeiten, liebe Gemeinde – auch in unsere Zeit. Wir erinnern uns an diesen Text, der genau vor 87 Jahren genau hier beschlossen wurde. Und das soll ja nicht nur ein historischer Rückblick sein. Sondern damit stellen wir uns selbst in diese Traditionslinie.

Wenn die Barmer Theologische Erklärung für uns ein „Bekenntnis“ ist – so steht es seit Anfang dieses Jahres auch in der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland – wenn wir das ernst meinen, dann geht’s eben nicht auch ein bisschen kleiner, dann erinnern wir uns im ganz wörtlichen Sinn: nehmen diese Worte in uns auf, nehmen sie in unsere Mitte, stellen uns in ihre Traditionslinie. Und dann müssen wir uns fragen: Was tun wir da? Was heißt es, dass Gottes Wort bleibt – nicht nur als theoretischer theologischer Satz, sondern als Orientierung für‘s eigene Leben, als Einzelne, als Gemeinschaft, als Kirche, als Hochschule?

Ich bleibe mit dieser Frage bei dem Wort „bleiben“ hängen: Was bleibt? Ja, was bleibt, liebe Gemeinde? Die Frage kann einen umtreiben. Was bleibt in Zeiten von Corona? Wird in den geschlossenen Läden und Kneipen und Theatern das Licht wieder angehen? Werden diese Orte bleiben? Werden wir die Nähe wiederfinden, die wir jetzt vermissen, die Begegnungen, die Events, die Gruppen, die Chöre, die Seminare? Wird diese Nähe bleiben?

Oder wird am Ende das bleiben, was nicht bleiben soll: die Distanz, der rauer gewordene Ton, die Traumatisierungen und die Zerwürfnisse in Familien und in der Gesellschaft? Was bleibt? Was bleibt auch von den Veränderungen in dieser Zeit? Was bleibt von neu entdeckten Möglichkeiten an Kommunikation? Was bleibt von reduzierten Flugmeilen und Autobahnkilometern? Was bleibt von Methodenvielfalt und Kreativität und erhöhter Achtsamkeit, die wir doch auch erleben? Was bleibt vom Beifall für Pflegekräfte?

Und genauso können wir fragen angesichts anderer Herausforderungen in unserer Zeit: Was bleibt im Klimawandel – und was kann und darf auf keinen Fall bleiben? Was bleibt von unserer Kirche angesichts schwindender Ressourcen? Was bleibt von der KiHo in neuen Konstellationen? Und was wird nicht bleiben, kann nicht bleiben – und muss vielleicht auch nicht bleiben?

Was bleibt? Eine Frage, in der beides mitschwingt: einerseits die Sehnsucht nach Beständigkeit und die Angst vor Verlusten, andererseits die Angst vor Stillstand und die Sehnsucht nach Veränderung. Und in beide Richtungen bleiben unsere Fragen ohne einfache Antworten. Und dennoch ist die Frage nach dem, was bleibt, nicht sinnlos, sondern lebenswichtig. Denn nur mit ihr stellen wir uns auf unseren Weg in die Zukunft.

VDMIÆ, Verbum Dei manet in aeternum – Gottes Wort bleibt in Ewigkeit: Ist das die Antwort? Machen wir’s uns nicht zu einfach: Auch die schönsten und wahrsten Sätze der Bibel und der Reformation und der Bekennenden Kirche sind keine Weltformel und keine einfache Antwort auf die Probleme der eigenen Gegenwart. Sie ersparen weder den Streit über den besten Weg, noch taugen sie zu frommer Besserwisserei. Ob sie uns auf einen guten Weg helfen, hängt daran, wie wir sie ins Spiel bringen. Wer sagt „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“, der weiß nichts besser, sondern der teilt ja erstmal die Erfahrung von Bedrohtsein und Vergehen. Sie ist schon bei Jesaja präsent: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt.“ Und auf diese Erfahrung hin kommt bei Jesaja das große ABER ins Spiel: „aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich“.

Dieses Aber lässt sich auf fatale Weise missverstehen, etwa so: aber wenigstens das Wort Gottes bleibt, mag auch alles andere verschwinden. Da gibt es immerhin etwas, was noch so ist wie es immer ist. Schart euch um das Wort, mag mit der Welt geschehen, was da wolle. Das klingt dann nach Rückzug aus der eigenen Zeit, das klingt nach Flucht in die Religion, nach Resignation vor der Unübersichtlichkeit des realen Lebens. Dabei wird das Wort Gottes zu einem Stück gute alte Zeit, krampfhaft festgehalten, eine Sicherheit, die vor Veränderung schützt. Dabei wird es zum alten Text, zu einer Mitteilung über wörtlich befolgende Glaubenssätze und Vorschriften. So verstanden, bleibt das Wort Gottes nur für die, die sich in aller Entschiedenheit darum sammeln und sich von der vergehenden Zeit und Welt abwenden. Aber es bleibt nicht für alle andern, für Menschen und Welt als ganze.

Da verliert das Wort Gottes jede Bedeutung. Da sieht das Wort Gottes dann ganz schön alt aus, klein und bedeutungslos. Das, liebe Gemeinde, ist nicht die Traditionslinie der Erinnerung an Bibel, Reformation und Barmen. Wenn wir in dieser Linie sagen „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“, dann ist das Wort Gottes eine Größe, die bleibt und die zugleich bewegt und verändert. Wie unter Menschen der Satz „Ich liebe dich“ nicht einfach eine Tatsache mitteilt, sondern eine Beziehung eröffnet und die Welt zweier Menschen verändert.

So ist das Wort Gottes – nur mit dem Unterschied zu unseren Liebeserklärungen, dass bei Gottes Zusagewort kein noch so kleiner Rest von Unsicherheit und Vorbehalt bleibt. Das Wort Gottes, das bleibt, ist kein Etwas, keine bloße Mitteilung von Wahrheiten, kein Text, kein Buchstabe, sondern es ist Bewegung, Dynamik, Leben, Beziehung. Der Gott, den wir in diesem Wort kennenlernen, ist der redende Gott, der in Beziehung tritt und in Beziehung bleibt. Und wir, die von ihm angeredet sind, wir bleiben in der Beziehung, die er uns eröffnet. Das ist die Erfahrung, in die hinein wir uns mit diesem Satz „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“ stellen: Im Jesajabuch die Erfahrung Israels, dass Gott mitgeht ins Exil, die Treue hält in aller Veränderung und allem Verlust. Im 1. Petrusbrief die Erfahrung der frühen Christen, dass ihnen Gottes Zuspruch in Jesus Christus zur Seite steht in den Anfeindungen der damaligen Mehrheitsgesellschaft.

In der Reformationszeit die Erfahrung, dass sich mit dem Evangelium neue Wege zu glauben und zu leben auftun – gegen den Widerstand der Traditionswahrer. Und für die Bekennende Kirche die Erfahrung, mit Jesus Christus als lebendigem Zuspruch und Anspruch den Übergriffen der Nazis etwas entgegensetzen zu können. – Alles Beispiele dafür, dass Gottes Wort bleibt und zugleich verändert. Dass es bleibt als bewegende Kraft. Es bleibt als Zusage von Anfang an; als Schöpfungswort, als Wort des Geleits und des Schutzes für die eigensinnige Menschheit, als Wort des Bundes und der Zukunft für Israel und seine Nachkommen, als menschgewordenes Wort in Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, als lebendiges, geistdurchwirktes Wort in der Gemeinschaft der Glaubenden, auszurichten an alle Welt.

Und wir, liebe Gemeinde? Wir wollen uns erinnern, uns anschließen an diese Erfahrungen. Wie geht das? Am besten hören wir erstmal hin – auf das Wort, reihen uns ein unter die Hörerinnen und Hörer des Wortes Gottes. Hören nicht den Buchstaben, sondern durch alte Buchstaben und Worte hindurch das Lebenswort, die Lebenszusage, in der uns der lebendige Gotts selbst begegnet, hören die Lebenskraft, die sich auf uns einlässt – die uns bleibt bis in die Zwiespalte unseres Lebens, bleibt auch an unseren Grenzen, in unserer Verzweiflung, in unserem Versagen. Gott, wie er uns in seinem Lebenswort begegnet, hält Wort. Sein Wort, das ist die Lebensbeziehung, die bleibt, Wort der Annahme, der Vergebung, der Ermutigung, der Liebe. Wort, das bleibt.

Und zugleich das Wort, das uns beansprucht und in Bewegung versetzt. Die Beziehung, in der wir beauftragt sind, beauftragt zu reden und zu handeln, damit unter uns gerade nicht alles bleibt, wie es ist. Das Wort, das uns eintreten lässt für Gerechtigkeit, für Freiheit, für Menschenwürde und gegen Gleichgültigkeit, gegen Verbohrtheit und gegen Hass. Nicht weil wir alles besser wissen, sondern weil wir uns von Gottes Lebenswort mitreißen lassen – und immer von neuem als Hörerinnen und Hörer in den Lebensstrom dieses Wortes eintauchen. So, liebe Gemeinde, stellen wir uns in die Traditionslinie, auf die der letzte Satz der Barmer Theologischen Erklärung weist: Verbum Dei manet in aeternum. Weil Gottes Wort bleibt, müssen wir nicht bleiben, wie wir sind. Weil Gottes Wort bleibt, muss überhaupt nicht alles bleiben, wie es ist. Weil Gottes Wort bleibt, kann Gutes bleiben und Besseres wachsen. So macht das Erinnern frei, frei für die Gegenwart mit Sehnsüchten und Ängsten, frei für die Zukunft, die wir nicht kennen und die wir doch so oder so gestalten. Gottes Wort bleibt, unser Trost im Leben und im Sterben, unser Halt und unsere Lebenskraft an jedem neuen Tag. Verbum Dei manet in aeternum – Das letzte Wort von Barmen hat es in sich. Erst recht dann, wenn wir es zu unserem ersten Wort machen. Und dahinter einen Doppelpunkt setzen. Amen.


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