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Wie bestimmt das Spannungsverhältnis von Glauben und Wissen die Wahrnehmung des Menschen und damit sein Handeln? Welche Impulse kann der Dialog zwischen Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften in diesem Kontext setzen? Mit dem „Interdisziplinären Forum für Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften“ will die Kirchliche Hochschule (KiHo) die Debatte um die Wahrheitsfähigkeit des christlichen Glaubens neu beleben. Prof. Dr. Markus Mühling erklärt wie und warum.

Herr Prof. Mühling, interdisziplinäre Foren gibt es viele. Die Kirchliche Hochschule richtet nun erstmals eines für Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften aus. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Mühling: Mit dem „Interdisziplinären Forum für Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften“ will die KiHo den Dialog von Theologie, Philosophie und den Naturwissenschaften in Forschung und Lehre etablieren. Daher richtet sich die Veranstaltung nicht nur an Fachleute oder Lehrerinnen und Lehrer, die in diesen Feldern arbeiten, sondern auch an die Theologie-Studierenden der KiHo. Auf dieser Veranstaltung erleben sie Naturwissenschaftler, Philosophen und Psychologen nicht nur in deren schriftlichen Forschungsergebnissen, sondern live als Lehrende und Präsentierende, mit denen sie unmittelbar diskutieren können.

Warum ist dieser Austausch wichtig?

Mühling: Die Kommunikabilität zu den Naturwissenschaften ist ein notwendiges Wahrheitskriterium der Theologie – in all ihren thematischen Bereichen, nicht nur in der Schöpfungslehre.  Umgekehrt ist der Dialog mit der Theologie für die Naturwissenschaften wichtig, weil es keine nicht weltanschaulich gebundene Naturwissenschaft gibt, die Reflexion über weltanschauliche Voraussetzungen aber nicht im Zentrum der Naturwissenschaften stehen kann. Genau dafür brauchen die Naturwissenschaften die Theologie und die Philosophie.

Stehen diese Disziplinen nicht seit langem im Dialog?

Mühling: Ja, aber dieser Dialog steht in Deutschland in einer Tradition, die eine strikte Bereichstrennung von Theologie und Naturwissenschaften postuliert. Die Rollen sind hier klar verteilt. Die Naturwissenschaften erklären die Welt, die Theologie sucht nach dem Sinn. Beide Disziplinen kommen sich so nicht in die Quere. Damit gibt es aber auch keine Konflikte – und damit leider auch keinen vertieften Austausch.

Was spricht Ihrer Meinung nach gegen eine saubere Trennung von Fakten und Werten?

Mühling: Im phänomenalen Wahrwertnehmen sind Fakten und Werte zunächst nicht getrennt. Im Handeln erscheinen sinnhafte und empirische Überzeugungen immer zusammen, um überhaupt handlungsleitend sein zu können.

Wie unabhängig agiert die Theologie dabei? Hat der Dialog mit den Naturwissenschaften die Theologie selbst nicht bereits verändert?

Mühling: In den historischen Disziplinen und in der Praktischen Theologie haben sich interdisziplinäre Einflüsse vor allem auf der Methodenseite durchgesetzt. In den historischen Disziplinen ist es zudem zu einer Übernahme es Wissenschaftsverständnisses der säkularen Geschichtswissenschaft gekommen. In der Systematischen Theologie begann der Dialog mit den Naturwissenschaften Anfang des 20. Jahrhunderts und erreichte mit dem Erscheinen der ökologischen Krise Mitte der 1990er Jahre ihren Höhepunkt. Seitdem aber begleitet die Systematische Theologie kaum noch aktuelle, gesellschaftlich relevante Debatten. Vielmehr findet eine Historisierung und damit eine Verwässerung der Systematischen Theologie statt. Gleichzeitig wird der Rest-Dialog, der mit den Naturwissenschaften noch existiert, fälschlicherweise als theologische Subdisziplin der Systematischen Theologie verstanden, und nicht mehr als eine unhintergehbare Dimension. Diesem Trend wollen wir mit dem Interdisziplinären Forum entgegenwirken.

Der Titel des ersten Interdisziplinären Forums lautet „Weiter Raum“. Es soll um Räume gehen, die wir täglich begehen, um physikalische, psychologische oder philosophische Räume. Warum ist dieses Thema für unseren privaten oder professionellen Alltag interessant? Was können Teilnehmer*innen inhaltlich erwarten? 

Mühling: Der physikalische Raum bestimmt unsere Wirklichkeit als leiblich-materielle Wesen. Metaphorisch sprechen wir aber von anderen Räumen: vom „Zahlenraum“ über geistige Räume wie den „Notenraum“ bis zum Raum der Gefühle. Ein implizites Verständnis des Raumes in all diesen Hinsichten auch in Bezug zum Raum des dreieinigen Gottes bestimmt daher unser Wahrnehmen und Handeln. Diese Wechselwirkung adäquat und aufgeklärt zu verstehen, ist ein Ziel dieser Tagung: Dabei zeigt sich: Der Raum ist nichts Statisches, in dem sich Bewegung und Leben ereignet, sondern wird dynamisch durch Bewegung und Leben gebildet.

Auf der Veranstaltung werden neben Theologinnen und Theologen aus den Disziplinen Altes Testament, Praktische Theologie und Systematische Theologie auch ein Physiker, ein Psychologe und ein Philosoph sprechen. Wie lauten die gemeinsamen Fragen, auf die all diese Disziplinen Antworten suchen?

Mühling: Im Wesentlichen sind es zwei Fragen, die uns gemeinsam leiten. Erstens: In all diesen Disziplinen wird vom Raum und von Räumen gesprochen. Gibt es aber über das äußerliche, rein metaphorische hinaus einen tieferen Grund für eine Zusammengehörigkeit in dem Raum selbst? Zweitens: Wie verändert diese übergeordnete Zusammengehörigkeit das Verständnis der einzelnen Räume und unser Selbstverständnis und damit unser Leben?

Wo verlaufen die Konfliktlinien um diese Fragen?

Mühling: Salopp gesagt, gibt es ein großes Kompetenzgerangel. Wenn es um die „harten Fakten“ des Raumes geht, beanspruchen physikalische Raumverständnisse in der Regel die Definitionshoheit. Wenn es dagegen um den „Raum selbst“ geht, sehen philosophische Raumverständnisse die Definitionshoheit bei sich. Damit nicht genug. Denn wenn es um die fruchtbare, lebensweltliche Bedeutung des Raumes geht, beanspruchen psychologische und soziologische Raumverständnisse in der Regel die Definitionshoheit – häufig unter Bestreitung des Relevanzanspruchs der physikalischen und psychologischen Raumverständnisse. Und last but not least weisen am Ende theologische Raumverständnisse darauf hin, dass alle anderen Raumverständnisse innerhalb der Welt als Schöpfung stattfinden, so dass alle Verständnisse all dieser Räume ohne Gottesbezug notwendig defizitär bleiben. Anders gesagt: Auf der Tagung wird kein Mangel an Diskussionsstoff herrschen.

Die KiHo richtet das Forum in Kooperation mit der Karl-Heim-Gesellschaft aus. Warum?

Mühling: Die Karl-Heim-Gesellschaft wurde 1974 gegründet, um den damals nur marginalen Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften öffentlichkeitswirksam aufzuwerten. Sie verfolgt das Ziel, die christliche Orientierung in der wissenschaftlich-technischen Welt zu fördern. Dieses Ziel verfolgt auch das Interdisziplinäre Forum.

An welche Zielgruppen richtet sich die Veranstaltung?

Mühling: Alle Interessierten aus den Feldern Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften. An Techniker, die Interesse am Dialog mit dem Christentum haben, an Kirchenleitende, an Pfarrerinnen und Pfarrer sowie an Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Religionspädagogisch Handelnde können sogar ein exemplarisches Update für das interdisziplinäre Gespräch zwischen Theologie und den Naturwissenschaften erachten. Denn das Thema „Glaube und Naturwissenschaften“ findet sich in den meisten Lehrplänen für die Fächer Evangelische/Katholische Religion für die gymnasiale Oberstufe der allgemeinbildenden Schulen, aber auch für die Berufskollegs als Pflichtthemen wieder. Allerdings ist der Unterricht in den Schulen oft auf bei der Komplementaritätsthese der 1990er Jahre stehen geblieben. Die Tagung dagegen wird den aktuellen Stand der Diskussionen spiegeln.

Die Fragen stellte Dipl. Phys. Dipl. Journ. Frank Grünberg

Markus Mühling, Professor für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wupperta/Bethel: “Auf der Tagung wird kein Mangel an Diskussionsstoff herrschen.”

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