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„Die Verbindung von jüdischer und christlicher Kultur ist voller Lebendigkeit“

1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland – gestern wurde das Festjahr offiziell eröffnet. Im Wuppertal, wo es jüdisches Leben seit 200 Jahren gibt, trägt die Kirchliche Hochschule mit zahlreichen Veranstaltungen zum Festjahr bei. Wie und warum erklärt Rektorin Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer im Interview.

Frau Professorin Kemnitzer, welche Bedeutung hat das Festjahr aus Sicht der Kirchlichen Hochschule?

Das Festjahr bietet die Chance, die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland seit Jahrhunderten wahrzunehmen – und zwar als einen wesentlichen Teil unserer Kultur und Identität in Deutschland. Als Kirchliche Hochschule beteiligen wir uns daran, da wir Evangelische Theologie als kulturgeschichtliche und kulturwissenschaftliche, kontextuelle Forschungs- und Lehrdisziplin betreiben und immer wieder jüdische und christliche Lebens-, Glaubens- und Textwelten reflektieren. Die Verbindung von jüdischer und christlicher Kultur in Deutschland ist voller Lebendigkeit und wertvollen Ausdrucksformen und Erkenntnisschätzen. Das Festjahr gibt Raum dafür, einmal diesen Schönheiten Beachtung zu schenken – bei allem, was wir heute über Antisemitismus sowie die Verachtung und die Zerstörung der Verbindungen von jüdischer und christlicher Kulturpraxis wissen.

Wer hat das Festjahr geplant?

Das Festjahr ist eine bundesweite Initiative. (Mehr Informationen: https://2021jlid.de/) An der Kirchlichen Hochschule gab Kirchenmusikdirektor Jens-Peter Enk einen entscheidenden Impuls, indem er mich für dieses Projekt mit Dr. Ulrike Schrader von der Begegnungsstätte Alte Synagoge und dem Musikdirektor und Kantor Thorsten Pech zusammenbrachte. Anschließend vernetzte sich das Projekt immer weiter – nicht zuletzt durch Dr. Michaela Geiger, die Professorin für Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule und Mitglied im Ausschuss „Christen und Juden“ der Evangelischen Kirche im Rheinland ist. Das Programm für das Festjahr 2021 haben neben uns viele Wuppertaler Organisationen mit Vorträgen, Musikveranstaltungen, Kunst und Diskussionen auf den Weg gebracht: Die Begegnungsstätte Alte Synagoge, der Kirchenkreis Wuppertal, die Bergische Universität, die Stadt Wuppertal, das Katholische Bildungswerk Wuppertal / Solingen / Remscheid, der Förderkreis Musik am Kolk e.V., der Konzertchor Wuppertal, das Weltcafé der Citykirche und andere mehr. Wir sind stolz, mit eigenen Veranstaltungen ein Teil davon zu sein. (Das Programmheft kann unter https://www.kiho-wb.de/wp-content/uploads/2021/02/Booklet-1700_JahrejüdischesLeben-1.pdf heruntergeladen werden.)

Welche Veranstaltungen trägt die Kirchliche Hochschule zum Festjahr bei?

Anfang Februar haben wir einen Vortrag plus anschließender Diskussion zum Thema „Jüdischer Religionsunterricht in Deutschland vor den Herausforderungen der Moderne“ mit der jüdischen Theologin Dr. Sandra Anusiewicz-Baer veranstaltet. Das Video ist auf dem Youtube-Kanal der KiHo zu sehen. (https://youtu.be/TQPKouDNSbA ) Im kommenden Sommersemester werden wir mit Prof. Dr. Carl Ehrlich einen Jüdischen Gastprofessor aus Toronto begrüßen. Seine erste digitale Vorlesung am 20. April 2021 ist öffentlich und findet von 19.30 bis 21.00 Uhr statt. Darin wird er sich der Praxis des Judentums widmen. Die zwei Hauptthemenkreise werden der jüdische Lebenszyklus und die jüdischen Feiertage und Feste sein. Wie wird gefeiert? Was wird gefeiert? Wie sieht es aus? Wie hört es sich an? Wie unterscheiden sich die verschiedenen Strömungen von einander in ihren Bräuchen? Das wird ein großes Highlight im Sommersemester.

Das gleiche gilt für das Projekt: „Gemeinsam Halleluja“, das wir am 24. Juni 2021 gemeinsam mit Kirchenmusikdirektor Jens-Peter Enk starten. Hier beleuchten wir anhand von Musik und Statements die Bedeutung des Chorsingens aus jüdischer und christlicher Perspektive.

In Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk veranstalten wir im September einen Workshop zur Bibelauslegung in jüdischer und christlicher Perspektive mit einer evangelischen und einer jüdischen Auslegerin.

Sehr spannend ist auch die Veranstaltung unseres Lehrbeauftragten Prof. Dr. Matthias Millard ab Herbst zum Thema „Synagogen, Mikwen, Grabsteine.“ Darin führt er auf Wege zur Geschichte ausgewählter jüdischer Gemeinden in Deutschland.

Welcher roter Faden zieht sich durch diese Veranstaltungen?

Der rote Faden ist die verbindende Freude am gemeinsamen Aufspüren von jüdischen Kulturschätzen und der Lebendigkeit des Judentums in Deutschland und darüber hinaus. Das weitet den eigenen Wahrnehmungshorizont und unterstützt die eigene Selbstreflexion durch die Beschäftigung mit der Vielfalt unserer jüdisch und christlich geprägten Kultur, fördert Interesse und Respekt und macht Mut zur interkulturellen Begegnung.

Wie greift die Kirchliche Hochschule diese Themen jenseits des Festjahres auf? Wo spiegelt sich das Thema in den Bildungsangeboten?

Die Beschäftigung mit dem hebräischen Denken ist grundlegend für das Theologiestudium. Das Hebraicum ist daher für Theologiestudierende verpflichtend. Darüber hinaus findet die Auseinandersetzung mit jüdischer Theologie und Kultur beständig in Veranstaltungen des Evangelischen Theologiestudiums und bei Vorträgen statt. In den biblisch-archäologischen, alt- und neutestamentlichen und interreligiösen Lehrveranstaltungen spielt die Beschäftigung mit der jüdischen Glaubens- und Lebensweise in Vergangenheit und Gegenwart eine ebenso wichtige Rolle wie in den kirchengeschichtlichen oder praktisch-theologischen Lehrveranstaltungen. Außerdem besetzen wir seit Jahren regelmäßig eine jüdische Gastprofessur.

Welche Impulse wird das Festjahr über 2021 hinaus geben?

Ich hoffe, dass wir die Freude an der gemeinsamen Beschäftigung mit den Schätzen der christlich-jüdischen Kultur mit diesem Festjahr fördern und dass wie darin auch weiter verbunden bleiben mit den vielen Einrichtungen der Stadt Wuppertal. Solche gemeinsamen Aktionen vernetzen spannende Akteure auf dem Bildungscampus Wuppertal – da sind wir als Kirchliche Hochschule immer gerne dabei.

Die Fragen stellte Frank Grünberg, Abteilung IKM der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel

Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer, Rektorin der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel: „Die Auseinandersetzung mit jüdischer Theologie und Kultur findet beständig in Veranstaltungen des Evangelischen Theologiestudiums und bei Vorträgen statt.“

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