Seit Oktober 2015 stehen auf der Wiese vor der Kapelle des Theologischen Zentrums Wuppertal die „drei Erzväter“.  Sie haben eine kaum mehr aufklärbare Geschichte:

Nach einer kunstgeschichtlichen Untersuchung des 20. Jh. entstanden sie um 1620 in Franken. Freilich ist nichts über einen Aufstellungsort in Franken und ihren Weg vor den 1640er Jahren bekannt, so dass nicht ganz auszuschließen ist, dass sie erst später (spätestens um 1740) geschaffen wurden.

Die Figuren gehörten von Anfang an zusammen; denn alle tragen sie eine Schriftrolle und verweisen dadurch auf die Schrift. Dieses Attribut der Schriftrolle macht freilich unwahrscheinlich, dass der Bildhauer sie als die Erzväter Israels aus dem Buch Genesis schuf. Denn die Erzväter wirkten der biblischen Erzählung nach, bevor die heiligen Schriften entstanden, die dann von ihnen erzählen; sie erhielten in der Kunstgeschichte folgerichtig andere Attribute.

Wahrscheinlicher ist also, dass die Figuren anfangs eine andere biblische Gruppe repräsentierten. Blicken wir auf die Turbane und Schriftrollen, dann handelte es sich um Propheten, vielleicht die drei großen Propheten Jesaja, Jeremia und Ezechiel. Doch der Name aus der Barockzeit, der sich an einem der Sockel erhielt, macht einen anderen Vorschlag: Es ist der Name Jacob (der sogenannte Isaak wird auf dem Sockel nicht identifiziert, und der dritte Sockel erhielt seine Aufschrift erst später). Jacobus der Ältere, der Jüngere und der Herrenbruder aber sind wichtige neutestamentliche Gestalten, die in den Heiligenlegenden immer wieder miteinander verschmolzen. Haben also die drei Propheten bereits in Franken eine neue Deutung erhalten? Wenn ja, dann wurde aus Israels Propheten eine kleine Apostelgruppe.

Zu vermuten ist, dass unsere Propheten oder später auch Apostel ursprünglich an einem katholischen Ort standen, da in Franken die meisten biblischen Kunstwerke der Zeit für katholische Auftraggeber geschaffen wurden. Biblisch-kirchliche Väter Frankens nahmen mithin einen ökumenischen Weg auf sich, als sie nach Norden wanderten; stehend und wandernd sind sie dargestellt.

Ihr Weg führte sie um 1747 (so dass geschätzte Datum) nach Ronsdorf. Dort war aus einer kleinen Ansiedlung soeben durch das Wirken Elias Ellers und Catharina von Büchels eine reformierte Gemeinde mit intensiv prophetischer Prägung entstanden, die wirtschaftlich prosperierte, weshalb Ronsdorf 1745 das Stadtrecht erhielt. Die Gemeinde nahm eine Entwicklung, die sie weit von den Elberfelder Reformierten wegführte.  In diesem Kontext ist es gut denkbar, dass Johann Bolckhaus, der Stiefsohn von Elias Eller und ab 1750 königlich bestellte „Agent und Vorsteher“ Ronsdorfs, die herkömmlichen reformierten Bedenken gegen Bilder missachtete und die Figuren erwarb. Die Kirchenbücher erwähnen die Figuren allerdings nicht. Demnach dürfte er sie wohl privat in seinem Garten aufgestellt haben, was angesichts seiner Rolle in der Gemeinde zugleich ein öffentliches Signal war.

Viel spricht dafür, dass in dieser Zeit die Neudeutung auf die Erzväter erfolgte. Denn die „Ellerianer“ ordneten das alttestamtliche Geschehen in die Geschichte der Prophetie ein. Dazu passt es, wenn sie den Namen Jacob nun alttestamentlich lasen und sich die Erzväter als Propheten vorstellten, die noch vor der Zeit der Schrift auf die Schrift verwiesen. Der fränkische Jacob wurde so zu Jakob, einem der drei Stammväter Israels. Sollte der Name Jacob erst in Ronsdorf  eingraviert worden sein, entfiele sogar der Umweg über die Apostel. Ein fränkischer Prophet würde in Ronsdorf zum Erzvater.

Vergessen wir gleichwohl nicht: Eine schriftliche Quelle über die Erzväter des Johann Bolckhaus fehlt bislang. Es muss Vermutung bleiben, dass aus den „katholischen“ Vätern Frankens nun „reformierte“ Väter der Bundesgeschichte Gottes mit den Menschen wurden. Dennoch hat es ökumenisch Reiz.

Auf den Aufstieg des Johann Bolckhaus folgte 1765 sein Fall; er musste seine Bestallungsurkunde als „Agent und Vorsteher“ Ronsdorf abgeben. Mit ihm fielen womöglich auch die Erzväter. In Ronsdorf ist nichts mehr über sie bekannt, bis sie um 1860 durch Zufall in seinem einstigen Garten ausgegraben werden, gut in Sand eingebettet. Hat Johann Bolckhaus sie also vergraben, als die Konflikte in Ronsdorf zu groß wurden, mit denen die Erzväter gar nichts zu tun hatten? Jedenfalls stehen sie nun für ein Leben im Untergrund.

Nach der Wiederentdeckung gravierte jemand in den bis dahin namenlosen Sockel der eindrücklichsten Figur den Namen Abraham. Die Schrift ist nicht mehr barock, die Arbeit wenig sorgfältig. Aber sie bezeugt, dass die Erinnerung lebendig blieb, die drei Figuren seien die „Ronsdorfer Erzväter“. Als solche standen sie nun für mehrere Generationen im Garten neben einem neuen Industriebau und Wohnhaus. Sie begleiteten – typisch für Ronsdorf – das Leben einer dem Unternehmertum und der Geschichte verbundenen  Familie. So gehören sie nicht nur in die Konfessions-, sondern auch in die Sozialgeschichte.

2015 schenkte der private Besitzer die Figuren zur Aufstellung am jetzigen Ort mit einer Stätte internationaler Begegnung für Christen aus aller Welt, mit einer Kirchlichen Hochschule und Gästen aller Konfessionen und Religionen. Ein anderer Mäzen ermöglichte den Transport und den Aufbau der „Väter“. Abraham, den alle monotheistischen Religionen ehren, steht am wichtigsten Ort vor der Kapelle und verweist mit seiner Schriftrolle auf den Segen für alle Völker, den Gott ihm versprach (Gen 12,3). Isaak steht ruhig hinter ihm, weil die Geschichte des Lebens unter Gottes Segen Gelassenheit braucht. Und Jacob schreitet munter aus, als sei er unterwegs nach Bethel, um die Himmelsleiter zu sehen; dem Leben unter dem Segen eignet Bewegung und Gottesbegegnung.

Gibt es noch mehr an Deutungen? Die Figuren geben das der Betrachterin und dem Betrachter frei.

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