„Siehe, ich mache alles neu!? – Die Zukunft diakonischer Unternehmen weiterdenken“


Bild: Diakonie Deutschland/Ute Burbach-Tasso

„Siehe, ich mache alles neu!? – Die Zukunft diakonischer Unternehmen weiterdenken“
zu diesem Thema fand am 04. und 05. April 2017 ein Symposium in der Katholischen Akademie Berlin statt. Annähernd 150 Personen aus Diakonie und Wissenschaft kamen und diskutierten angeregt über zukunftsrelevante Fragen, Themen und Innovation.

Nach der Begrüßung und Einführung ins Thema durch Diakoniepräsident Pfr. Lilie referierten Prof. Dr. Haas (Vorstandvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf), Prof. Dr. Starnitzke (Vorstandssprecher Diakonische Stiftung Wittekindshof) und Dr. Hamburger (Diakoniedirektor Diakonie Wuppertal) zu „Sozialraumorientierung als Motor der Veränderung“.
Zusammenfassend sind sich alle einig, dass die Grundsatzfrage im Sozialraum „Was wollen Menschen“ lautet. Dieses konkret umzusetzen fordert Organisationen heraus. Der Sozialraum ist menschengerecht zu gestalten und hierzu ist es nötig, dass Dienstleistungen schnell zu erbringen sind und dafür sind hierarchische Strukturen oftmals hinderlich, führte Prof. Haas aus. Zudem lohnen sich Blicke über den Tellerrand auf zwei kulturell unterschiedliche Länder: Sowohl in Japan als auch in Holland werden sog. Nachbarschaftszentren stark gefördert. Zudem bietet das wiederentdeckte Paradigma vom „Leib“ und seine „Glieder“ vielfältige Deutungs- und Innovationsmuster, wie Prof. Starnitzke herausstellte.
Dr. Hamburger zeigte Perspektiven in kreiskirchlicher und kultureller Ausrichtung auf. Hierbei richtete er den Blick auf einen stärkeren Einbezug der Kirchengemeinden im Sozialraum. „Im Sozialraum gibt es viele Fachleute, welche entdeckt werden wollen!“ Hierzu braucht es sowohl eine Verstärkung von sozialem Lernen im Schulkontext als auch vielfältige Anlaufstellen und Öffentlichkeitsarbeit.

Nach dieser innerdiakonischen Sicht erweiterten Chautard (Vorstand Korian Gruppe) und Dr. Broll (Vorstand Katholische Stiftung Liebenau) den Blick auf Konkurrenten. Schnell zeigte sich, dass die Korian Gruppe als Aktiengesellschaft geführtes Unternehmen eine klar erkennbare ökonomische Ausrichtung favorisiert.
Als Lösung stellte Chautard vor, dass neuartige Dienstleistungen bei gleichzeitiger voranschreitender Spezialisierung zu konzipieren sind. Hierbei wird der jeweiligen medizinischen Unterstützung ein besonderes Augenmerk zuteil. Chautard beendete seinen Vortrag mit der Vorstellung eines kombinierten Modells: Dieses sieht vor, dass alle vier Bereiche der Korian-Gruppe (Betreutes Wohnen, Ambulante Pflege, Stationäre Pflegeheime, Reha-Klinik) individuelle Lösungen gemeinsam erarbeiten. Dadurch soll einerseits die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens gesichert werden. Andererseits besteht das Ziel, dass eine möglichst große Selbstbestimmung an Hilfe bedürftiger Menschen gewährleistet wird.
Dr. Broll gab einen umfassenden Einblick in die Katholische Stiftung Liebenau. Das Unternehmen bietet unterschiedliche Dienstleistungen im süddeutschen Raum an vielen Standorten an. Durch die Nähe sowohl zu der Schweiz als auch nach Österreich werden einerseits Ideen generiert und andererseits Mitarbeitende „ausgetauscht“. Dadurch geraten immer wieder neue Aspekte in den Vordergrund. Dr. Broll stellte hierbei besonders das Wahrnehmen von kulturellen Unterschieden und eine bereits langjährige Partnerschaft und Kooperation mit Unternehmen in Bulgarien heraus.

Im Anschluss daran fand eine Podiumsdiskussion mit Pfr. Lilie (Präsident Diakonie Deutschland), Pfr. Dopheide (Vorstand der Evangelischen Stiftung Hephata und Vorstandsvorsitzender VdDD) und Bischof Dr. Dr. h.c. Dröge (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz) moderiert von Prof. Hofmann (Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement) statt. Annähernd 90 Minuten wurden viele Fragen, teilweise kontrovers, diskutiert und beantwortet. Deutlich wurde, dass es eine starke Arbeitgeber- wie auch Arbeitnehmerseite braucht, damit weiter für den 3. Weg geworben werden kann. Zudem schafft das Religionsrecht viele Möglichkeiten, welche es zu nutzen gilt. Auch in Zeiten einer voranschreitenden Säkularisierung und Pluralisierung der Gesellschaft bedarf es unterschiedlicher Bildungsangebote, damit die Christlichkeit erkannt und bezeugt werden kann. Beim folgenden Abendimbiss wurde sich weiter angeregt ausgetauscht.

Zum Abschluss des Tages fand ein von Dr. Kruttschnitt (Vorstand Diakonie Deutschland) moderiertes Gespräch mit Dr. Kleindiek (Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und Dr. Landsberg (Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes) statt. Teilweise emotional wurden Fragen und Anregungen vorgebracht.

Nach einer von Pfr. Lilie gehaltenen Andacht stellte Dr. Schöttler (Leiter Business Development Public & Healthcare Technology Services Hewlett Packard) Teile seiner Promotion zum Thema „Innovation in der Strategie diakonischer Unternehmen“ vor. Dr. Schöttler startete seinen Vortrag mit einem Zitat von Johann von Goethe: „Das Gleiche läßt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.“ Um Innovationen starten zu können braucht es eine Unterbrechung von der alltäglichen Routine. Bereits dieses fordert Unternehmen heraus, da vielfältige Anforderungen zu bedienen sind. Dr. Schöttler stellte drei Schritte eines Innovationsprozesses vor. Zu Beginn gilt es Ressourcen einzusetzen, weiter in einen Diskurs zu gehen (hierbei werden Kommunikationsräume benötigt, damit unterschiedliche Handlungslogiken und Differenzen geklärt werden) um abschließend die Innovation umzusetzen. Eine prägnante Zusammenfassung bietet ein Zitat nach Paul Tillich: „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“

Ausgehend von dem Vortrag wurde das Thema Innovation vertieft. Hierzu fand eine Gesprächsrunde mit Dr. Anke (Präsident des Kirchenamtes der EKD und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Diakovere gGmbH), Hr. Baumann (Vorstand Die Zieglerischen e.V. und Wilhelmsdorfer Werke ev. Diakonie) und Pastor Kiepe-Fahrenholz (Geschäftsführer Diakonisches Werk Duisburg) statt. Pfr. Dopheide moderierte in gewohnt lässiger Manier diese Gesprächsrunde. Die Statements reichten von „Größter Innovationstreiber ist der Wettbewerb“ bis hin zu „Die Marktmacht stärken mit einer Kooperationsstrategie“.

Den abschließenden Vortrag hielt Prof. Dr. Dr. Brink (Lehrstuhl Wirtschafts- und Unternehmensethik, Universität Bayreuth). Hierbei wurde der Ansatz einer Kooperationsökonomie vorgestellt. Nach Brink stellen sowohl der Wettbewerb als auch die Kooperation Ressourcen für Unternehmen dar. Zukünftige Unternehmen stehen vor der Aufgabe, dass sowohl wirtschaftliche Erfolge zu erzielen sind, diese aber verstärkt im Zusammenhang mit Werten stehen. Beides gilt es gleichberechtigt zu bedienen und es werden die Unternehmen gewinnen, welche es schaffen beides unter einem Hut zu bekommen, folgerte Prof. Brink. Hier sieht Prof. Brink deutliche Vorteile bei Unternehmen der freien Wohlfahrtspflege, wie auch speziell in Unternehmen der Diakonie.

Hofmann bündelte zum Schluss und zog ein positives Fazit. Es wurde deutlich, dass Grenzen als Ort der Erkenntnis mehr Beachtung finden sollten. Um Grenzen zu erkennen braucht es eine differenzierte Umweltwahrnehmung. Als weiterer zentraler Aspekt konnten Unterbrechungen von der Alltagsroutine als Innovationstreiber herausgearbeitet werden. „Woher kommen Unterbrechungen, von was und wie lassen wir uns in unserer alltäglichen Routine unterbrechen? Von den uns anvertrauten Menschen, von Gesetzen, von Gott?“

Beim anschließenden Mittagsimbiss klangen diese Fragen nach und werden sicherlich in das ein oder andere Unternehmen der Diakonie eingang finden und weiterbehandelt.

Eine Kooperationsveranstaltung von:


(Beate Hofmann)

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