Lektorentagung in Wuppertal vom 10.-13.3.2016

Vom 10. bis 13. März 2016 fand die alljährliche Lektorentagung statt. Gastgeber war diesmal die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel. Organisiert wurde Treffen von Prof. Dr. Knut Usener. Die Tagung versammelt Dozentinnen und Dozenten für Griechisch und Latein aus Deutschland und aus der Schweiz. Die etwa 25 auswärtigen Gäste konnten alle im Tagungshaus „Auf dem Heiligen Berg“ beherbergt werden. Sie fühlten sich dort bestens versorgt und lobten das Klima ebenso wie den Service des Tagungszentrums mehrfach. Der Veranstalter hat dieses Lob gene weitergegeben.

Das Programm sah Vorträge und Diskussionen zu verschieden Aspekten der antiken Kultur, zu den antiken Sprache und ihrer Vermittlung sowie eine Exkursion ins Industriemuseum in Solingen vor. Als externen Gastredner konnte der Veranstalter Herrn Prof. Dr. Stefan Weise gewinnen, der seit etwas über einem Jahr an der Bergischen Universität die Junior-Proffessur für Griechisch innehat.

Die Tagung war in allen Aspekten sehr anregend und thematisch vielfältig: Wissenschaftliche Themen kamen ebenso zur Sprache wie Formen der Didaktik und Methodik im Alltag der Sprachkurse.

Hier ein Überblick über die Inhalte der Tagung:

Ute Meyer, TU Dresden:

  • Bilinguale Textarbeit
    Latein und Altgriechisch gelten als „schwer“ – mag das so pauschal auch nicht zutreffen, gibt es doch neben der fremden Lebenswelt und den vielen „Endungen“ ein Spezifikum, das zusätzlich das Textverständnis erschwert: Bei einigen Wendungen legt erst der Kontext die Sinnrichtung fest – handelt es sich z.B. um eine zeitliche Angabe, eine Bedingung, eine Begründung?  Wenn man den fremdsprachigen Text mit einer Übersetzung vergleicht, erleichtert dies die Erschließung und ermöglicht die Bewältigung größerer Textmengen.  Dabei lässt sich der Fokus z.B. auf bestimmte grammatische Phänomene richten, einzelne Phrasen aus der Ausgangssprache können in der Übersetzung unübersetzt gelassen oder umgekehrt Wörter im lateinischen bzw. griechischen Text ausgelassen und aus der Übersetzung heraus erschlossen werden.
  • Lernspiele
    Lernspiele haben auch im altsprachlichen Unterricht ihren Platz: Die Motivation der Lernenden wächst durch den Reiz des Neuen, „spielerisch“ können bekannte Inhalte gefestigt werden. Eine Möglichkeit ist das allseits bekannte „Memory“, leicht abgewandelt: Jeweils ein Spielkartenpaar gehört zusammen – z.B. Satz/Übersetzung, Satz/Bild oder Form/Bestimmung. Der Wiederholungseffekt ist durch das meist mehrfache Aufdecken der Karten hoch.

Marc Bruessel, HU Berlin, Beitrag 10.03.:

Marc BruesselSeit 2014 läuft an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Projekt zur Erforschung des altsprachlichen Erwachsenenunterrichts mit dem Schwerpunkt des Anfängerunterrichts an Universitäten und Hochschulen. Erklärtes Ziel ist dabei eine explorative Grundlagenforschung, die mithelfen soll, künftige methodische Bemühungen um eine Verbesserung des Unterrichts sowohl theoretisch als auch historisch zu untersetzen. Dazu ist anzumerken, dass die Historie des altsprachlichen Erwachsenenunterrichts überhaupt noch nicht aufgearbeitet wurde und somit eine Kernaufgabe des Projekts darstellt.

Die universitären Anfängerkurse und erste Ansätze für Volkshochschulkurse sind nahezu zeitgleich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. Gewissermaßen in Personalunion begegnen beide Phänomene in einem Experiment im Rahmen des „Vereins für volkstümliche Berliner Hochschulkurse“, das im November 1900 begann. Hermann Diels (1848-1922), der berühmte Altphilologe, dessen Textausgabe der vorsokratischen Philosophen weit über die Grenzen seines Faches hinaus wirkte und noch immer wirkt, steuerte die programmatische Zielsetzung bei: die „Durchdringung“ des gesamten Volkes mit humanistischer Bildung, die bis dato leider eine „Scheidewand“ zwischen den oberen und unteren Schichten gewesen sei. Die Durchführung des kostenlosen Lateinkurses, an dem 349 Männer und Frauen unterschiedlicher Berufsgruppen teilnahmen, oblag dem Assistenten Rudolf Helm (1872-1966), der auch das zugehörige Lehrbuch unter dem Titel „Volkslatein“ herausbrachte. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wurde Helm im Sommersemester 1902 an der Berliner Universität zum ersten Dozenten eines universitären Griechischkurses überhaupt (gleichzeitig mit Herman Hirt in Leipzig) und verfasste auch dafür ein Lehrbuch.

Marc Bruessel, HU Berlin, Beitrag 10.03.:

Derzeit widmen sich didaktische Workshops und Initiativen wieder verstärkt der lateinischen Wortschatzarbeit. Für den Erwachsenenunterricht besonders geeignet scheint das Angebot einer Vokabelanordnung nach Häufigkeit. Wie kann aber die Häufigkeit einer Vokabel ermittelt werden?

Verf. hat über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren unterschiedliche Formen der Wortschatzarbeit mit Erwachsenen ausprobiert und das Ergebnis ist eindeutig: Die größte Akzeptanz fand diejenige Lernarbeit, die konsequent an einer allgemeinsprachlichen Abdeckung ausgerichtet war. Autorenspezifische Vokabellisten können dazutreten (z.B. gibt es für Seneca kurze und nützliche Zusammenstellungen seiner „Lieblingswörter“), aber sie ersetzen nicht das Sicherheitsgefühl von festem Boden unter den Füßen, der von den wirklich wichtigsten Wörtern einer Sprache her aufgebaut ist. Abdeckung bedeutet aber auch, dass eine Vokabel in jeder erdenklichen Gestalt wiedererkannt wird und im Decodierungsvorgang eine bekannte Größe darstellt. Ein Auswendiglernen von Ausgangsformen ohne die zugehörige Formenlehre ist Selbstbetrug. Angesichts der geringen Lernzeit Erwachsener ist es sogar Zeitverschwendung. Die vorzüglichen repräsentativen Corpora von Cauquil und Guillumin (760.000 Wörter, aufbereitet jetzt von Christiane Meyerson-Dethoor) sowie das „Query“-Corpus (1.000.000 Wörter, vgl.  www1.ku-eichstaett.de/SLF/Klassphil/Query/querylem1000.pdf) sind richtungweisend und zeigen, dass bei ausreichend großer Textmenge nur noch marginale Unterschiede bestehen. Die lateinische Anfängerlektüre der heutigen Zeit besteht nicht mehr überall aus dem Helvetierkrieg und aus Ciceros Verrinen. Verschiedene Epochen und Textsorten kommen in Betracht, auch nachantikes Latein. Eine zeitgemäße Wortschatzarbeit sollte sich daher nicht an vermeintlich „lektürerelevanten“ Passagen orientieren.

 

Manfred Krzok, Eberhard Karls Universität Tübingen: Die elektronischen Assistenten „Formosus Graecus“ und „Formosus Latinus“.

Mit dem F.G. ist es dem Lernenden möglich, selbst griechische Formen zu bilden und zu analysieren, mit dem F. L. lateinische Formen zu bilden und sogar lateinische Sätze in einem Kontext zu schreiben. Die Programme kreieren im Gegensatz zu den üblichen Lernprogrammen ihre Inhalte immer wieder neu.

Der F.G. bildet z.B. jede Form neu von jedem änderbaren Wort seines Lexikons, d.h. von fast 1500 Verben, fast 1700 Substantiven und von fast 800 Adjektiven! Und davon bildet Formosus nach Zufall leichte und schwere, naheliegende und fernliegende, häufige und seltene, und solche Formen, die gar nicht vorkommen, aber vorkommen könnten. Lehrbuch und Lektionen können für die entsprechenden Übungen im Programm gezielt ausgewählt werden.

Das Programm sorgt dafür, dass bei schwierigen Formen der Lerner nicht allein gelassen wird, sondern vielfältige und mehrstufige Hilfen erfährt, die Formen einzuordnen (beim Bestimmen) bzw. zusammenzusetzen (beim Bilden): Es wird angegeben, zu welcher Gruppe ein Wort gehört; in welcher Form Stamm und Endungen zusammengefügt werden; man kann die Paradigmen zum Vergleich heranziehen. Außerdem können Formenketten für Leistungskontrollen gebildet werden (ausdruckbar!).

Der Unterricht kann dadurch bereits ein Stück weit entlastet werden.

Das Programm beinhaltet zudem einen Vokabeltrainer und ein Mnemonix.

Weitere Informationen und Bestellungen: gottfried.schwemer@t-online.de

Thomas Hübner, (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): Hieronymus und die Graeca veritas. Welche Rolle spielt der griechische Originaltext für Hieronymus‘ lateinische Übersetzung und Kommentierung des Matthäus-Evangeliums?

Hebraica veritas ist ein Kampfbegriff des Hieronymus, mit dem er seinen in der lateinischen Übersetzung und Exegese des AT neuartigen Rückgriff auf den hebräischen Urtext verteidigt. Im Vortrag „Hieronymus und die Graeca veritas“ untersuchte Thomas Hübner anhand von Hieronymus‘ Übersetzung (383) und Kommentierung (398) des Matthäus-Evangeliums, ob sich Hieronymus ebenso für die Graeca veritas des NT interessiert, was seine Vorrede zur Evangelienübersetzung immerhin nahelegt. Der Textvergleich zeigt jedoch, dass Hieronymus‘ lateinische Fassung des Matthäustextes nicht auf eigener Übersetzung aus dem Griechischen, sondern fast ausschließlich auf Kollationierung vorhandener lateinischer Codices beruht. Den griechischen Text hat er dabei kaum zur Kenntnis genommen oder bewusst ignoriert. Auch in seinem Kommentar zum Matthäus-Evangelium kommentiert er nicht den griechischen, sondern immer den lateinischen Text. Aus dem gelegentlich herangezogenen griechischen Original werden vor allem Anregungen für die spirituelle Exegese gewonnen. Während er sich in den Kommentaren zum AT immer wieder gegen den vertrauten lateinischen Text wendet und seine neue Übersetzung aus dem Hebräischen propagiert, greift er im NT den etablierten lateinischen Text nicht an, sondern will ihn nur vom Wildwuchs der in den Codices begegnenden Varianten reinigen.

Gastvortrag (Freitag, abends) Prof. Dr. Stefan Weise (Bergische Universität Wuppertal): ὡς ὁ δεινὸς Γοίθιος λέγει – Goethe-Übersetzungen und -Rezeption in neualtgriechischer Literatur

Stefan Weise

Vorgeführt und mit zahlreichen Beispielen belegt wurde ein zumeist unbekanntes Phänomen: Von begeisterten Literaten wurden verschiedene Werke von Goethe schon zu Lebzeiten ins Altgriechische übersetzt – eine denkwürdige Form der Rezeption, die sich bereits damals nur den hoch gelehrten Persönlichkeiten erschließen konnte. Goethe hatte durchaus seine Freude an diesen geistigen Spielchen.

 

Dr. Burkhard Reis (Ruhr-Universität Bochum): Was tut Josephus in der Höhle von Jotapata (BJ 3,387-391)? – Historiographie als Literatur gelesen

In diesem Beitrag ging es darum aufzuzeigen, mit welchem litterarisch-sprachlogischem Raffinement der Autor Josephus eine zum Selbstmord entschlossene Gruppe, zu der auch Josephus selbst gehörte, die Situation zu seinen Gunsten so lenkt, dass er glaubwürdig, aber eben auch am leben bleibe kann.

Alexander Drucks (Ruhr-Universität Bochum):
Graecum goes Moodle 24/7 –  Online-Tests als fakultative Ergänzung universitärer Griechischkurse
Vorgestellt wurde das in Bochum entwickelte und mit einem Preis geförderte Online-Projekt „Graecum goes moodle 24/7“ vorgestellt, das Studierenden beim Altgriechisch-Lernen hilft. Der Vortragende war an der Entwicklung des Programms beteiligt und konnte so alle Feinheiten erläutern, die willkommene und zeitgemäße Lernhilfen bieten.

(Information: https://www.ruhr-uni-bochum.de/rubens/rubens183/3.html)

 

Prof. Dr. em. Heinrich von Siebenthal (Freie Theologische Universität Gießen): Was bedeutet ἐπιούσιος im Vaterunser? Überlegungen zur These von Chrys C. Caragounis

Gegenstand des Workshops war eine Einleitung in die Frage, was epiousios heißen soll: Es geht um eine verantwortbare Übersetzung der Herrenworte „unser tägliches Brot gib uns heute“: In der Diskussionsrunde wurde klar, dass die seit Luther weit verbreitete, nicht aber von allen Übersetzern akzeptierte Wiedergabe durch „täglich“ (Mt 6,11 und Lk 11,3) nicht gut begründet zu sein scheint. Der Sinn der Formulierung entfaltet sich besser, wenn man die Passage mit den Worten “unser Brot, und zwar das, was wir wesenhaft für unser Christ-Sein brauchen, gib uns heute” wiedergibt. Diese Worte sind zwar weniger griffig, entfalten aber den Sinn der Bitte.

Dr. Susanne Kochs (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Prof. Dr. Knut Usener (Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel):
Berufsfeld-bezogene Sprach-Ausbildung im Horizont des Mainzer Modells (Einführung in die Hintergründe)

Eine kurze Einführung in die aktuelle Frage nach den Inhalten der Sprachkurse in Altgriechisch sollte die Diskussion über eine zukünftige Ausrichtung universitärer, speziell für Studierende der Theologie konzipierter Sprachkurse befördern. Im Hintergrund steht die vom Evangelischen Fakultätentag und von den für Schulwesen und Universitäten zuständigen Ministerien anvisierte Spezifizierung des Sprachenprofils: Angehende TheologInnen sollten beim Erlernen des Altgriechischen fachspezifisch ausgebildet werden. Erörtert wurden Probleme und Vorzüge verschiedener Modelle sowie sich hieraus ergebende Maßnahmen.

Roland Hees (Geistliches Rüstzentrum Krelingen): Xenia – das Problem einer passgerechten Grammatik für universitäre Griechisch-Kurse

Gegenstand des Beitrags war die vergleichende Präsentation eines Lehrwerks für die altgriechische Sprache: Neben den Vorzügen wurden insbesondere auch kleine Nachteile des Lehrbuchs besprochen, und es wurde ein Brief an den Fachverlag fertiggestellt, in dem eine Ermunterung zur erneuten Auflage einer vergriffenen, aber als sehr hilfreich bewerteten Grammatik formuliert wurde.

Prof. Dr. Knut Usener (Kirchliche Hochschule Wuppertal-Bethel): Das Griechisch des Jesus Sirach

LektorentagDie in der Septuaginta zur Weisheitsliteratur zählende Schrift „Das Buch Jesus Sirach“ (vielleicht eher bekannt unter seiner lateinischen Bezeichnung Ecclesiasticus) ist gattungsgeschichtlich ebenso wie sprachlich ein besonders interessantes Werk. Bis heute ist unsicher, ob die hebräischen Textfunde als dessen Vorlage oder vielmehr als dessen nicht nachhaltig wirkende Rückübersetzung in Hebräische zu sehen sind. Der Beitrag befasste sich daher auch viel mehr mit der literarischen und sprachlichen Verortung des griechischen Textes im Horizont der hellenistisch-griechischen Literatur. Dabei wurde deutlich, dass dieses Werk seine eigene Qualität hat, die hebräische Religiosität  mit griechischem Denken und Formulieren ausgesprochen geschickt und ansprechend verknüpft.

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