Archäologische Einblicke in die Stadtmauern Jerusalems auf dem Zionsberg

Der Zionsberg von Jerusalem steht seit 150 Jahren im Focus der Archäologie. Im August 2015 begann das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI) Ausgrabungen auf diesem Gelände. Im Zentrum des Interesses steht das Gelände des anglikanisch-preußischen Friedhofs vor den Toren der Jerusalemer Altstadt mit Überresten verschiedener Stadtmauern, die möglicherweise bis in die Eisenzeit zurückreichen, und u.a. Schwellen eines Stadttores, bei dem es sich um das sog. Essener-Tor handeln könnte.

 

Zionsgrabung

Der Bereich des Zionshügels, der heute außerhalb der Mauern der Altstadt liegt, wurde stets in prosperierenden Zeiten in das Stadtgebiet Jerusalems integriert und von Mauern eingeschlossen. Die erste Stadtbefestigung, die in dieser Gegend vermutet wird, ans Ende des 8. Jh.s v. Chr. Die biblische Überlieferung berichtet, dass nach dem Zusammenbruch des Nordreichs Israel im Jahr 722/1 v. Chr. viele Einwohner Israels deportiert wurden und ein großer Teil ins benachbarte Juda floh. Viele siedelten sich in Jerusalem an. Daher weitete sich das Stadtgebiet schlagartig aus. Die Neueinwanderer bewohnten in erster Linie den Zionsberg und das nördlich davon gelegene Gebiet. Angesichts der drohenden assyrischen Gefahr ließ Judas König Hiskia (725-698 v. Chr.) die Stadtmauern schließlich um die neu bebauten Gebiete ausweiten. Überreste diese Bautätigkeit finden sich im Jüdischen Viertel der Jerusalemer Altstadt („Breite Mauer“) und in einer seit 2015 zugänglichen Ausgrabung im sog. „Kishle“  – dem westlichen Flügel der Polizeistation in direkter Nachbarschaft zur Zitadelle.

Als 701 v. Chr. Sanherib sein Lager vor Jerusalem aufschlug, war die Stadt vollständig ummauert. Der assyrische Herrscher konnte Jerusalem nicht erobern. Vermutlich konnte sich Hiskia durch ein großes Lösegeld freikaufen (II. Kön 18,7-36; 19,1-37; Jes 36,1-22; 37,1-38; 2 Chr 32,1-23; COS 2.119B, 303). Jerusalems wird später jedoch 587/6 v. Chr. von Nebukadnezar II. zerstört.

Erst in hasmonäischer Zeit (2./1. Jh. v. Chr.) erreichte Jerusalem wieder die Ausmaße der späten Eisenzeit. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus (ca. 37-100 n. Chr.) beschreibt den Verlauf der Stadtmauern detailliert. Die sog. Erste Mauer erstreckte sich vom Süden des Tempelbergs bis hinunter zum Siloa-Teich, verlieft von dort nach Westen, umschloss den Zionshügel und knickte beim sog. Essener-Tor nach Norden ab. Wo sich heute die Zitadelle und das Jaffa-Tor befinden, bog die Mauer gen Osten und mündete schließlich an die Westmauer des Tempelbergs. Diese Mauer wurde durch die Römer bei der Eroberung und Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. in Schutt und Asche gelegt. Archäologische Überreste finden sich u.a. in der Davidstadt, den Ausgrabungen in der Zitadelle, beim Cardo im Jüdischen Viertel und am Zionshügel.

Lange Zeit blieb Jerusalem ohne Stadtmauer, da die 10. Legion Fretensis die Sicherheit der Stadt gewährleistete. Erst in byzantinischer Zeit wurde Jerusalem wieder befestigt – im 5. Jh. n. Chr. auch der Zionsberg mit einer Mauer umschlossen. Wahrscheinlich geht dieser Mauerbau auf die byzantinische Kaiserin Eudokia zurück. Sie war 443 bei ihrem Ehemann Kaiser Theodosius II. in Ungnade gefallen und begab sich nach Jerusalem ins Exil, wo sie bis zu ihrem Tod eine lebhafte Baupolitik betrieb. Sie setzte sich für den Bau von Kirchen, Hospitälern und der südlichen Stadtmauer ein, die auch den Zionsberg miteinschloss. Eucherrius, der Bischof von Lyon, sah diese Mauer Mitte des 5. Jh. und schreibt hierzu: „Mount Zion is now surrounded by a wall, although at one time it was situated outside the city.“ Diese Mauer wurde bei einem Erdbeben im Jahr 1033 n. Chr. zerstört. Seither wurde der Zionsberg nicht mehr in die Stadtmauer Jerusalems integriert.

Ein Grabungsort mit (Vor-)Geschichte

Die Grabung des DEI befindet sich auf dem Gelände des anglikanisch-preußischen Friedhofs. Der wurde Mitte des 19. Jh. im Rahmen des gemeinsamen Bistums zwischen der preußisch-protestantisch und britisch-anglikanischen Kirche erschlossen. Dem Bistum war nur ein kurzes Dasein beschieden; doch der Friedhof wird bis heute von Protestanten und Anglikanern genutzt. Unter den Gräbern finden sich berühmte Jerusalem-Forscher und Archäologen wie Conrad Schick (1822-1901) und Sir Flinders Petrie (1853-1942).

Rund 50 Jahre nach der Einrichtung des Friedhofs führten die Pioniere F. Bliss und A. Dickie in den Jahren zwischen 1894 und 1897 die ersten Grabungen an dieser Stelle durch. In der damals üblichen Vorgehensweise gruben sie in Tunneln. Am Rande des Friedhofgeländes stießen sie auf eine Toranlage und öffneten den Bereich Maulwurfsgleich nach oben. Das gefundene Tor wies eine faszinierende Besonderheit auf: Es befanden sich drei Torschwellen direkt übereinander, die allesamt in verschiedene Zeit zu datieren schienen. Bliss identifizierte das unterste und damit älteste Portal mit dem bei Flavius Josephus überlieferten Essener-Tor. Diese Interpretation ist durchaus stichhaltig: Josephus beschreibt, dass die Mauer nach dem Essener-Tor nach Osten (in Richtung Siloam Pool) abknickt.

In den 1970er und 1980er Jahren suchte der Benediktinermönch Bargil Pixner an derselben Stelle nach Zeugnissen aus der Zeit Jesu und starte eine groß angelegte Grabungstätigkeit. Er verband in seinen Vorstellungen den Ort mit einem Essener-Viertel. Die jüdische Gruppierung, die in mönchsähnlichen Gemeinschaften lebte, soll hier einen abgrenzten Bezirk bewohnt haben. Diese Vermutung stützte sich auf die Identifikation der ältesten Torschwelle mit dem Essener-Tor sowie auf den Fund von jüdischen Ritualbädern (Miqvaot) in der näheren Umgebung, die Pixner mit dem erhöhten kultischen Reinheitsbewusstsein der Essener in Verbindung brachte. In den wenigen publizierten Artikeln und Beiträgen zu Pixners Grabungen richtete er den Fokus weniger auf die Archäologie und die Dokumentation, sondern auf die Erläuterung seiner Ansichten.

Nachdem Pixner seine Grabungen 1988 einstellen musste, wurde der Aushub seiner Grabungen zurück in die Schnitte geschoben. Die Grabung verwahrloste.

Die Grabung 2015

Die Ausgrabungstätigkeit des DEI begann im Sommer 2015 mit der Reinigung des Geländes und dem Freilegen des alten Grabungsgeländes. Diese Füllung erwies sich als umfangreicher als es im Vorfeld absehbar war; in mühsamer Handarbeit wurden mehr als 120 t Erde entfernt. Nun sind die von den bisherigen Ausgräbern beschriebenen Mauern und Toranlagen wieder deutlich sichtbar. Auf dieser Grundlage entstanden neue Interpretationen der antiken Mauerstrukturen im Zionsfriedhof.

Die gegenwärtige Interpretation

Mount Zion Protestant Cemetery, Orthophoto Kopie

Im Nordwesten des Areales befindet sich die mehrphasige Toranlage. Südlich davon liegen zeitlich voneinander zu unterscheidende Mauerzüge. An der südlichen Grabungsgrenze steht ein möglicherweise ebenfalls mehrphasiger Turm.

Die Toranlage weist drei übereinandern liegende Torschwellen auf. Die älteste Schwelle erstreckt sich zwischen zwei abgeschrägt behauenen Blöcken, die den Beginn eines Torbogens markieren, der ursprünglich den Durchgang überspannte. Die Schwelle selbst ist von der östlichen Seite sichtbar und weist eine aufwendig gearbeitete kreisrunde Vertiefung – Türangeln – und Vertiefungen des Verschlussmechanismus auf. Unter dieser Schwelle befindet sich ein Abwasserkanal. Die nächst-höher gelegene Schwellenlage geht auf eine Reparatur zurück, bei der die Höhe des Durchgangs um etwa 35 cm angehoben wurde. Man kann auch hier Vertiefungen des Schließmechanismus erkennen. Deutlich erhöht darüber liegt eine dritte Schwelle, die eine neue Bauphase markiert. Der Abstand zwischen den Schwellen wurde durch eine Mörtelpackung geschaffen. Östlich der Schwelle ist möglicherweise noch ein kleiner Rest des Untergrundes der Straße erhalten, die in die Stadt führte.

Es wahrscheinlich, dass die älteste Schwelle dieser Toranlage dem von Flavius Josephus (Bell V 145) beschriebenen Essener-Tor entspricht. Dieses ist demnach in hasmonäischer oder herodianischer Zeit entstanden. Die Reparaturphase kann derzeit (noch) nicht datiert werden. Die große Tor-Schwelle darüber ist dem byzantinischen Mauerbau in der Mitte des 5. Jahrhunderts zuzurechnen.

Südlich davon können drei Mauern beobachtet werden. Die älteste Mauer gründet direkt auf den Fels. Pixner verband diese Mauer mit der Eisenzeit II und folglich mit der Stadterweiterung unter König Hiskia Ende des 8. Jh. v. Chr. Diese Datierung ist zwar nach alttestamentlichen Quellen naheliegend, kann aber aufgrund der mangelnden Befunddokumentation und der fehlenden archäologischen Einbettung nicht bestätigt werden. Die große Quadermauer, die den Grabungsbereich dominiert, zieht schräg über diese alte Mauer und zerstörte Teile der älteren Mauer. Diese Quadermauer gehört zur jüngsten, obersten Schwelle des Tores und damit in byzantinische Zeit. Mit den beiden unteren Schwellen der Toranlage lassen sich derzeit keine Mauern verknüpfen. Der jüngste Mauerabschnitt jedoch schließt eine sekundäre Öffnung der byzantinischen Mauer, die nahe des weiter südlich gelegenen Turmes in die Quadermauer geschlagen worden war. Wann dies geschah, lässt sich derzeit noch nicht bestimmen. Diese Mauer besteht aus großen rechteckig behauenen Feldsteinen, die mit Mörtel verbunden wurden. Diese Reparatur der Quadermauer könnte Schäden eines Erdbebens oder gewaltsamer Zerstörungen behoben haben.

Der Turm im Süden ist aus bossierten Quadern auf einem tiefen Fundament errichtet, dessen Ausrichtung von der des Turmes abweicht. Heute ist er stark fragmentiert, weil er bei der Errichtung der südlichen Friedhofsbegrenzungsmauer in der Mitte des 19. Jh. z.T. abgetragen wurde. Der Turm sicherte die Stelle, an der die Stadtmauer, dem Abhang des Zionshügels folgend, in Richtung Südosten abknickt. Die charakteristischen Bossen deuten auf die Errichtung in hasmonäischer oder herodianischer Zeit (2./1. Jh. v. Chr.) hin. Allerdings könnten die Steine auch in späterer Zeit wiederverwendet worden sein. Die auffallend flachen Bossen könnten möglicherweise auch sekundär nachgearbeitet worden sein, um an einen späteren Zeitstil angepasst zu werden. Auch die mehrfach abweichende Ausrichtung der Fundamentierung des Turmes gibt noch Fragen auf. Entweder handelt es sich dabei um verschiedene vorzeitige Bauphasen oder der veränderte Winkel ist der hangausgleichenden Substruktionsarbeit geschuldet. Grundsätzlich sind zwei Szenarien vorstellbar:

  1. Der Turm entstand in hasmonäischer/herodianischer Zeit, möglicherweise über Vorgängerstrukturen. Dieser Turm wurde dann in byzantinischer Zeit entweder aufgelassen, als Fundament genutzt oder in seiner Gesamtheit integriert.
  2. Der Turm wurde erst im 5. Jh. aus wiederverwendeten hasmonäischen/herodianischen Steinen und möglicherweise auf hasmonäischen/herodianischen Fundamenten errichtet.

Ausblick

Derzeit gibt die freigeräumte Ausgrabung mehr Fragen als Antworten auf. Deshalb ist in den kommenden Jahren eine Ausdehnung der Grabung geplant. Das Gebiet östlich des freigelegten Bereichs – es handelt sich dabei um den innerstädtischen Raum – verspricht neue Erkenntnisse zum innerstädtischen Bereich Jerusalems durch mehre Epochen und damit Antworten zur Besiedelungsdauer, -dichte und -intensität des Zionshügels. Da die innerstädtischen Wohngebiete auf dem Zion bisher wenig unerforscht sind, lassen sich darüber hinaus grundlegende und für die stadtgeschichtliche Forschung äußerst ertragreiche Ergebnisse erwarten.

Dieter Vieweger/Katharina Palmberger/Marcel Serr

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