Waldenser 3

Gemeinsam Kirche sein – Chancen und Herausforderungen am Beispiel der Waldenser-Kirche

Eine bunte Gruppe aus Studierenden, Pfarrer und Pfarrerinnen von GMÖ und MöWe sowie Mitarbeitenden der VEM und je einem Kirchenleitenden aus Südafrika und Indonesien besuchte vom 25. bis 29.09.2015 unter der Leitung von Prof.  Andrea Bieler und Angelika Veddeler (Abteilungsleiterin der Region Deutschland der VEM) die Waldenser-Kirche in Norditalien. Diese Kirche ist genau genommen eine Unione delle Chiese metodiste e valdesi und wurde so über die letzten 25 Jahre auch zum kirchlichen Zuhause zahlreicher Migranten und Migrantinnen (nicht nur) aus  der Methodistischen Kirche in Ghana. Grund genug, um dieser kleinen Kirche mit noch nicht einmal 30.000 Mitgliedern, einen Besuch abzustatten. Gastgeber im schönen Vicenza war Pfarrer William Jourdan, ein junger engagierter Theologe, ausgestattet mit viel Humor und dem Durchsetzungsvermögen, das notwendig ist, um der kleinen evangelischen Kirche in dem mehrheitlich katholischen Italien Gehör zu verschaffen.

Auf dem Programm der Studienreise standen Vorträge und Einblicke in die Gemeindewirklichkeit vor Ort (Vicenza, Verona, Padua), sowohl im Hinblick auf den Wandel der Waldenser-Kirche durch die Migration der letzten Jahrzehnte, als auch die aktuellen Herausforderungen durch die Ankunft von mehr Geflüchteten in Italien.

Welche Auswirkungen die europäische Flüchtlingspolitik auf Italien bis heute hat, erläuterte Prof. Paolo Naso, Politologe an der Sapienza Universita di Roma, in seinem Vortrag am vergangenen Samstag. War Italien lange Zeit ein klassisches Auswanderungsland, so änderte sich dies in den 1980er Jahren mit dem Zustrom von Menschen aus Eritrea und Ghana, die auf der Suche nach Arbeit in das nächstliegende EU-Land kamen. Während Deutschland diese Entwicklung ignorierte, galt in Italien lange Zeit die Devise, wer Arbeit hatte, durfte bleiben. Erst 1989 erhielt Italien ein Einwanderungsgesetz. Mittlerweile leben 5 Millionen Einwanderer in Italien. Die weltweite Finanzkrise in 2008 verschärfte die wirtschaftliche Situation in vielen afrikanischen Ländern, aber auch in Italien. Bis heute versuchen immer mehr Menschen ihrer verzweifelten wirtschaftlichen Lage zu entkommen, indem sie die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer antreten. Jährlich ertrinken etwa 3000 Menschen auf der Überfahrt zwischen Afrika und Europa.

Wie reagiert die Waldenser Kirche auf diese dramatische Entwicklung? Prof. Naso stellte dazu das von verschiedenen evangelischen Kirchen getragene Hilfsprogramm „Mediterranean Hope“ vor. Hierunter beobachtet die Waldenser-Kirche die Situation auf der Insel Lampedusa sehr genau. Sie hat zudem ein kleines Empfangszentrum eingerichtet und begleitet die Neuankömmlinge auf ihrem Weg durch die Institutionen. Darüber hinaus engagiert sich die evangelischen Kirchen auf politischer Ebene für die Anwendung von humanitären Ausnahmeregelungen (Visa), die das Schengener Abkommen beispielsweise im Falle von schwangeren oder kranken Flüchtlingen durchaus vorsieht, und wird in den nächsten Wochen 1000 Menschen auf diesem Weg die Einreise ermöglichen. Ziel der waldensischen Kirche ist es, eine konzertierte Hilfsbewegung innerhalb der italienischen Zivilgesellschaft in Gang zu setzen.

Waldenser_2

Und auf der Ebene der Ortsgemeinden? Die waldensischen Ortsgemeinden wie in Vicenza und Verona verfolgen einen bemerkenswert pragmatischen Ansatz. Sie sind mit den mehrheitlich ghanaischen Gemeindegliedern in den letzten 25 Jahren längst zu multi-ethnischen Gemeinden zusammen gewachsen. Ihre Erfahrungsberichte zeigen jedoch, dass der Weg dorthin ein langwieriger und für alle Beteiligten anstrengender Prozess mit offenem Ende ist. Unterschiede in der Spiritualität, den Wertvorstellungen, aber auch in den Erwartungen an den Pfarrer_innen und den Gottesdienst sowie auch sprachliche Hürden führen vor allem in der Anfangsphase zu Spannungen. Der Prozess des Gemeinsam-Kirche-Sein (‚Being Church Together‘) ist von der Kirche beschlossen worden. Theologische Grundlagenarbeit steht zum Teil noch aus, auch wenn Prof. Yann Redalié (NT, Facoltà Valdese di Teologia, Rom) in seinem Vortrag interessante Anstöße gab. Prof. Naso gibt zu: „Vor allem für Krisenzeiten brauchen wir dokumentierte feste Vereinbarungen. Bitte gebt uns hierfür noch etwas Zeit.“ Die Frage danach, inwieweit sich die Theologie ändert, wenn Migrant_innen die Mehrheit in den Leitungsgremien stellen, kann heute noch nicht beantwortet werden. Bislang sind die Gemeindeglieder mit Migrationshintergrund (ingesamt ca. 30 % der Kirchenmitglieder) noch nicht repräsentativ auf der synodalen Ebene vertreten, wohl aber in Presbyterien und anderen Gremien. Trotz der genannten Unterschiede, zeigen alle Beteiligten offensichtlich das Grundverständnis dafür, gemeinsam Kirche sein zu wollen und sich dafür zu engagieren. In der Schlussbetrachtung werten die Waldenser ihre multi-ethnischen Gemeinden durchaus als Win-Win-Projekt: Den ghanaischen Gemeindegliedern gelingt zumeist eine bessere Integration in die italienische Gesellschaft, während die überalterten Kerngemeinden mit dem Zuzug junger Familien wieder überlebensfähig und überdies kulturell bereichert werden.

Für alle Teilnehmenden bot die Studienreise Impulse für die eigene Arbeit, Reflexion oder Forschung und machte Lust darauf, die kleine Chiesa Evangelica Valdese, ihre wechselvolle Geschichte, und ihre Mitglieder unterschiedlichster Herkunft näher kennenzulernen.

Fotos von Martina Pauly (VEM)

Suche