„Natur und Geschichte“ – Bericht vom 11. Internationalen Hamann-Kolloquium

Wie verhält sich die Aufklärung der Vernunft zu den vielfältigen Erfahrungen, die Menschen in der Natur und in den Ereignissen der Geschichte machen? Diese Frage ist charakteristisch für das Denken des Königsberger Schriftstellers Johann Georg Hamann (1730-1788). „Natur und Geschichte“ war dementsprechend das Thema des 11. Internationalen Hamann-Kolloquiums, das von 18.-21.2.2015 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel im Tagungshaus „Auf dem Heiligen Berg“ stattfand. 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus drei Kontinenten waren der Einladung von Prof. Dr. Johannes von Lüpke gefolgt und widmeten sich einer intensiven Tagung mit über 30 Vorträgen.

Zum Auftakt wurde die Frage, welchen Stellenwert Natur und Geschichte im Denken Hamanns einnehmen, von LiteraturwissenschatlerInnen und Philosophen beleuchtet. Linda Simonis und Knut-Martin Stünkel (Bochum) sowie Ulrich Gaier (Konstanz) lieferten Interpretationen zu Äußerungen Hamanns über Natur und Geschichte und ihrer Verortung im Gesamtwerk des Autors. Johann Kreuzer (Oldenburg) fragte danach, wie sich die Argumente Hamanns gegen eine die Vernunft isolierende Aufklärungsphilosophie zum Denken Kants verhalten.

Die Besonderheit von Hamanns philosophischem und theologischem Denken stellte auch der Berliner Philosoph und Hamann-Forschungspreisträger Wilhelm Schmidt-Biggemann heraus. Sein öffentlicher Abendvortrag am 19.2. war dem „Ende der Geschichte(n)“ bei Lessing, Mendelsohn und Hamann gewidmet und wurde von weiteren Gästen der Kirchlichen Hochschule und der Bergischen Universität Wuppertal besucht. Indem Schmidt-Biggemann die christologischen und eschatologischen Ausführungen Hamanns in seiner Schrift „Golgatha und Scheblimini“ zur Sprache brachte, eröffnete er ein Gespräch mit der Theologie, dass von den Vertretern der dritten an der Hamann-Forschung beteiligten Disziplin am 20.2. aufgenommen wurde. Oswald Bayer (Tübingen) und Joachim von Soosten (Wuppertal) widmeten sich dem theologischem Verständnis von Zeit und Geschichte, während Wolfgang Schoberth (Erlangen) mit der Frage nach der „Lesbarkeit der verborgenen Schöpfung“ auch die ästhetische Wahrnehmung  der Natur bei Hamann und Adorno verhandelte. Auch die philosophie- und theologiegeschichtliche Verortung Hamanns blieb ein Thema, so behandelte etwa Hans Graubner (Göttingen) das Verhältnis Hamanns zu den Physikotheologen seiner Zeit.

Viele weitere Vorträge beschäftigten sich mit Fragen der Rezeption. Wie Hamann Autoren wie Nikolaus von Kues und Giordano Bruno (Sergei Volzhin, St. Petersburg) oder David Hume (Mario Spezzapria, Sao Paolo) aufgenommen hat, in welcher Hinsicht er sich von Thomas Hobbes abgrenzte (Gideon Stiening, München/Köln) und welche Linien von Hamann zur poetischen Transformation religiöser Sprache bei Jean Paul führen (Christian Sinn, St. Gallen), war ebenso Thema wie die Aufnahme Hamanns in der russischen Esoterik (Wladimir Gilmanov) und beim norwegischen Theologen Olav Valen-Sendstad (Raimo Mäkelä, Helsinki).

Darüber hinaus waren aktuelle Fragen der philologischen Hamann-Forschung (Janina Reibold, Heidelberg) und der Übersetzung seiner Werke ins italienische (Chiara Colombo, Mailand) Thema des Kolloquiums, das in seiner internationalen Ausrichtung und Vielstimmigkeit dem Werk Hamanns zu entsprechen suchte. Die Beiträge des Kolloquiums, das  durch die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Stadtsparkasse Wuppertal und der Stiftung der Kirchlichen Hochschule ermöglicht wurde, werden der wissenschaftlichen Öffentlichkeit durch Publikation zugänglich gemacht.

Suche